200 Feldbetten für die Verletzten der Tsunami-Katastrophe
Deutsches Rotes Kreuz bringt Kreiskrankenhaus nach Sri Lanka
 
von  Daniel Karl Jahn

Hebamme Christiane Radloff hat gerade 29 Stunden Flug hinter sich. Die Zwickauerin sieht dennoch erstaunlich frisch aus, als sie am frühen Dienstagmorgen auf dem Rollfeld des Flughafens von Colombo aus dem Bauch einer russischen Iljuschin-Transportmaschine klettert. Radloff ist die so genannte Head-Nurse des letzten von drei DRK-Teams, die mit einem ganzen Feldlazarett im Gepäck in drei Flügen von Köln/Bonn nach Sri Lanka gereist sind, um im Tsunami-Gebiet zu helfen. Zwischen den Kisten mit Hilfsgütern drängten sich noch drei weiteren Krankenschwestern und der Arzt André Kröncke aus Lübeck, der in dem Zeltkrankenhaus als Anästhesist arbeiten wird. Den Flug haben sie zwischen 60 Tonnen Ladung verbracht, die in eine Lagerhalle umgelagert werden, bevor sie auf Lastwagen in die Tamilengebiete reisen sollen.

Als die Anfrage vom DRK kam, habe sie «nicht lange gezögert», sagt Radloff. Ihr Mann muss in den kommenden vier Wochen die beiden Kinder allein betreuen. Doch die Familie ist es bereits gewohnt, dass die Mutter im Katastrophenfall eine gefragte Krankenschwester ist. Vor einem Jahr war die 45-Jährige nach dem schweren Erdbeben von Bam mit mehr als 30.000 Toten im Iran. Auf 23 Auslandseinsätze bringt sie es mittlerweile – vom Sudan bis zur Türkei. Für Tatjana Sturm aus Hochheim in Hessen ist es der dritte Einsatz. Überlegt hat auch sie nicht lange. So schnell einsatzbereit wie das mobile Hospital sei sie allemal, sagt sie. Zu den Medizinern gehört auch der Kinderarzt Joachim Gardemann, Professor für humanitäre Hilfe an der Universität Münster.

Die einzelnen Module dieses 200 Betten umfassenden kleinen Kreiskrankenhauses sind standardisiert auf Paletten verpackt und können binnen 72 Stunden in Krisengebiete transportiert werden. Mit eigener Wasserstation, Stromgenerator, Feldküche und 20 Mitarbeitern ist es autark. «Es ist, als würde das nächste Kreiskrankenhaus zusammengepackt, in ein Flugzeug geladen und am folgenden Tag an einem beliebigen Punkt auf der Weltkarte wieder aufgebaut», sagt der Leiter des internationalen Katastrophenschutzes beim DRK, Johannes Richert.

Ganz so schnell werden die vier Fachärzte und sieben Pflegekräfte für Chirurgie, Gynäkologie, Anästhesie, Kinderheilkunde und Innere Medizin ihre Arbeit in den Tamilengebieten an der Nordostküste von Sri Lanka wohl nicht aufnehmen können. Das weiß Joe Cutajar vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) aus Erfahrung. Der Logistiker aus Dänemark steht an der Zufahrt zu den Cargo-Hallen und hält eine dicke Mappe mit Formularen und Listen in der Hand. Noch ist die dritte Ladung des Krankenhauses, das zu den Emergency Response Units (ERU) des Internationalen Roten Kreuzes gehört, im Bauch der Illjuschin festgezurrt. Bis unter die Decke, gut vier Meter hoch, türmen sich Kisten mit Wasserflaschen und Medikamenten, Tische und Lastkarren.

Mindestens noch einmal rund 48 Stunden wird es dauern, bis die Fracht auf Lastwagen die gut 300 Kilometer bis in die Gegend der tamilischen Orte Mullaittivu und Puthukkudiyiruppu gelangt ist. Zu Verzögerungen im Flugplan kommen Bürokratie und Nerven aufreibendes Hickhack. Cutajar hebt die Augenbrauen: «Die Funkgeräte mussten wir aus den Lkw ausbauen, weil uns die Militärs damit nicht vom Flughafen lassen wollten» – vor allem nicht in die von den Tamilen-Rebellen der LTTE kontrollierte Nordprovinz. Für die letzten Lkw solle es aber eine Genehmigung geben, so dass dann alle Geräte wieder eingebaut werden könnten.

Bei anderen Hilfsorganisationen wird der Riesenaufwand skeptisch gesehen. «Die Verletzten sind inzwischen längst in Krankenhäusern», sagt Martin Baumann von der Deutschen Welthungerhilfe. Statt medizinischer Hilfe würden eher Zelte, Teller und Töpfe gebraucht. Auch bei der Föderation der Gesellschaften vom Roten Kreuz und Roten Halbmond gibt es Zweifel. Durch den Ansturm der Helfer vor allem im Süden habe die Föderation «Schwierigkeiten gehabt, unsere mobilen Krankenhäuser unterzubringen», sagt der Berliner Mitarbeiter Axel Pawlow.

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