Fern vom Meer und der Normalität
In den Tamiliengebieten leben die Menschen weiter in Schulen
 
von  Daniel Karl Jahn

Eigentlich sollte die Schule in den Katastrophengebieten im Norden Sri Lankas am Montag wieder beginnen. Doch in der von den Rebellen der Befreiungstiger (LTTE) beherrschten Nordprovinz haben die Verantwortlichen den ersten Schultag nach der Tsunami-Katastrophe auf unbestimmte Zeit verschoben. Zunächst einmal müssen rund 5515 Familien in den Auffanglagern des Flutgebiets in Übergangszeltlager umquartiert werden oder in ihre notdürftig reparierten Häuser und Hütten zurückkehren, sagt der Vize-Chef der mit den Hilfsmaßnahmen und dem Wiederaufbau betrauten Task-Force, V. Siranadiar. So lange wird Kindern und Erwachsenen weiter ein Stück Normalität fehlen, das für die Bewältigung der Schreckensbilder wichtig wäre.

Im Vidyananda College, der größten weiterführenden Schule in der Region von Mullaittivu im Nordosten des Landes, liegen Menschen in den Klassenräumen am Boden. In der Klasse 8a herrscht dasselbe Bild wie im Nebenraum: Auf dünnen bunten Matten dämmern Erwachsene vor sich hin. Nur die Kinder bringen Leben in diese Flüchtlingskleinstadt, deren Versorgung komplett von Helfern übernommen wird. Kinder spielen Fußball auf dem Schulsportplatz, einer großen Wiese mit zwei schlichten Toren und einem Volleyballfeld. Sie spielen Fangen und jagen wilden Hunden hinterher. Den meisten Erwachsenen fehlen die Aufgaben, seit die Riesenwellen Familien und Existenzen vernichtet haben.

Der Fischer S. Vasudevan aus dem Dorf Thallappadu sitzt vor einem Schulgebäude auf dem Campus. Zwei seiner Kinder, seine Mutter, eine Schwester, Nichten und ein Schwiegersohn kamen ums Leben – insgesamt neun Familienmitglieder. Der 40-Jährige wurde von der Riesenwelle am Strand mitgerissen, konnte sich aber wie durch ein Wunder retten. Er will vergessen und wieder neu anfangen, aber die Wassermassen zertrümmerten auch sein Boot. «Fischen ist mein Job», sagt Vasudevan. Angst vor dem Meer habe er nicht, aber Angst vor der Zukunft ohne sein Handwerkszeug als Fischer. Ein großes Netz brauche er vor allem, denn jetzt sei Saison für die Fischer. 250. 000 Rupien (rund 2200 Euro) kostet ein großes Fischernetz, mehr als das Doppelte wie ein Boot. Immerhin kann das Netz von bis zu fünf Familien genutzt werden.

Beerdigungen teilen auch drei Wochen nach der Flut noch die Tage ein an der Nordwestküste im Tamilengebiet. Der Schulleiter ist zu einem Begräbnis gegangen, sagt seine Frau. Wenn er am Nachmittag wiederkomme, habe er kaum Zeit, weil er dann wieder zu einer Trauerfeier geladen sei. Die Masse der Toten wurde in Gräben wenige Kilometer vom Stadtrand entfernt verscharrt. Wie ein eigentümliches Grabmal türmt sich ein großer Haufen Kleider an der Straße. Kleidungsstücke aus den Häusern der Toten, die niemand mehr will. Jetzt sterben die Verletzten, deren Wunden sich infiziert haben.

Dem 38-jährigen P. Sanmuganathan haben messerscharfe Blätter in Hals, Hände und Beine geschnitten, als die Welle ihn durch den Palmenwald sog. Am Vortag wurde er aus dem Krankenhaus in die Schule gebracht. Notdürftig gebettet liegt er allein am Boden eines Klassenraums. Seine Frau ist tot.

Für 1815 Familien aus der Region sind Zeltstädte als Übergangslager geplant. Die Umsiedlung solle in den nächsten Tagen beginnen, sagt Siranadiar von der Task Force, einer Kommission aus LTTE und deren Hilfsorganisation TRO (Tamil Relief Organisation) und einem Vertreter der srilankischen Regierung. Die Zelte mit dem Logo der Vereinten Nationen stehen weitab vom Meer. «Es ist zu früh für die Leute, das Meer zu sehen», sagt Siranadiar.

Später sollen Siedlungen mit einem Mindestabstand bis zu einem Kilometer zum Strand entstehen. Der Küstenstreifen soll nach jüngsten Planungen mit einer Art Trümmer- und Schutt-Deich gegen neue Tsunamis bewehrt werden. Siranadiar spricht von einer «leichten Steigung» von bis 30 Zentimetern Höhe. Die LTTE wollten, dass alle Menschen in allen Bezirken unter ihrer Verwaltung künftig sicher lebten. 1000 Meter sind auch für Fischer ein noch erträglicher Arbeitsweg, im Vergleich zur Wegstrecke bis zur Normalität in Mullaittivu.

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