Knochenarbeit bei der Suche nach vermissten Deutschen
BKA-Experten graben in Sri Lanka Flutopfer aus
 
von  Daniel Karl Jahn

In einer Ecke des Olympic Sports Club, auf der Südseite des Footballfelds, im srilankischen Küstenort Unawatuna erheben sich acht Erdhaufen auf der Wiese. Drei der länglichen Haufen sind mit Holzpflöcken und weißen Tüchern abgegrenzt. Die Luft ist feucht, erste Regentropfen fallen. Nach dem letzten Guss am Vorabend ist der Boden schwer. Der von hohen Hecken und Mauern umsäumte Platz liegt in einer ruhigen Seitenstraße. Seit Einheimische hier Fluttote aus Angst vor Seuchen schnell in der Erde verscharrt haben, ist er ein Friedhof. Experten des Bundeskriminalamts und Kollegen der britischen Polizei sind gekommen, um den Erdhaufen ganz rechts zu öffnen. Sie haben den Verdacht, dass dort ein Ausländer begraben liegt. Einer von weit mehr als 30.000 Menschen, die bei der Flutkatastrophe in Sri Lanka umkamen.

Forensik-Professor N. Chandrasiri, einer der angesehensten seiner Zunft in Sri Lanka, führt das Kommando zwischen Polizeiautos, Lastwagen und den als Diplomatenfahrzeugen gekennzeichneten weißen Jeeps der Kriminologen. Etwas abseits steht noch ein Kühltransporter, in dem schon Leichen aus anderen Gräbern in Unawatuna liegen. Sie müssen noch identifiziert werden. Insgesamt tummeln sich an diesem Donnerstagnachmittag rund 60 Menschen auf dem kleinen Sportfeld, auf das nur der Schriftzug Schild Olympic Sports Club und das Gestänge des Footballtors hinweisen. Ein Lastagen versperrt den Blick auf den bereits leicht eingesunkenen und krustig gewordenen Erdhaufen. Obwohl die Polizei den Ort abgesperrt haben, lugen immer wieder Anwohner neugierig durch die Hecken.

Chandrasiri, der eine blaue UN-Mütze und eine Augenklappe trägt, dirigiert die ganze Gruppe. Srilankische Experten warten in grünen Kitteln, in denen sie an Operationsteams erinnern; ihre mit Erdklumpen verklebten Gummistiefel machen den Eindruck sogleich zunichte. Die vier Experten vom BKA tragen Jeans und weiße T-Shirts mit einem schwarzen Bundesadler auf der linken Brust, darunter den Schriftszug Bundeskriminalamt. Ihr Team-Führer Thomas Lubnau ist ein höflicher Chef, mit freundlichem aber resolutem Blick. Auf dem Sportfeld muss er sich ebenso wie seine drei Kollegen von der britischen Polizei den Weisungen des Professors unterordnen. Der gibt einigen Arbeitern das Zeichen zum Ausgraben. Mit Schaufeln tragen sie den Erdhaufen langsam ab.

“Die Kooperation mit den srilankischen Behörden ist sehr gut», sagt eine der BKA-Expertinnen. Die Menschen hier hätten so viel mehr Opfer zu betrauern, da sei es ihnen hoch anzurechnen, das sie die Ausländer so unterstützten, bei deren Suche nach ihren vergleichsweise wenigen toten Landsleuten. Diese Katastrophe sei «einmalig in der Welt». Lubnau gibt die Bilanz des Tages per Handy durch: Drei Gräber geöffnet, Leichen gefunden. Jetzt also das vierte Grab. Die BKA-Beamten, zwei Frauen und zwei Männer aus einem insgesamt noch größeren Team, tragen einen Metallkasten mit Arbeitsutensilien heran: Obenauf liegen eine Packung mit einhundert Plastikhandschuhen und eine Formularmappe «Katastrophenopfer Identifzierung».

Seit der Beben- und Flutkatastrophe Ende Dezember sind BKA-Experten in Südostasien im Einsatz, um die Angehörigen der Opfer in Deutschland von der zehrenden Ungewissheit zu befreien. Allein fast 600 Deutsche gelten in der gesamten Region als vermisst, insgesamt liegt die Zahl ungeklärter Touristenschicksale bei mehr als 3000. Eine Knochenarbeit, auch wenn die junge Polizistin die Frage nach möglicher Anspannung abtut: «Das ist eben mein Job.» Seit dem 28. Dezember seien sie nun schon hier, sagt Lubnau. «Jetzt reicht es auch.» Sie sollen abgelöst werden.

Es fängt an zu regnen. Chandrasiri bricht den Einsatz kurzerhand ab und vertagt in auf den kommenden Vormittag. Auch der britische Experte Peter Ward kann ihn mit demonstrativ nach oben gekehrten Handflächen, die andeuten «Es tröpfelt doch nur», nicht abhalten. Das Grab könnte volllaufen, sagt die BKA-Expertin. Polizisten bauen für den kommenden Tag Sichtblenden aus Wellblech und ein tragbares Blechdach. Die BKA-Truppe hätte es gerne hinter sich gebracht. Der unbekannte Tote in seinem Grab bleibt vorerst auf dem verlassenen Sportfeld zurück.

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