Tsunami löst Welle von Hilfsbereitschaft aus
Viele Hilfsorganisationen schwimmen im Geld und denken um
 
von  Daniel Karl Jahn

Bei der Föderation der Gesellschaften von Roten Kreuz und Rotem Halbmond in Sri Lanka ist nach drei Wochen akuter Fluthilfe von Übersättigung die Rede. Dem Tsunami sei eine Welle von Hilfsgeldern gefolgt,  stellt Axel Pawolek fest. Der 50-jährige Berliner feilt nicht an seinen Worten, wenn er den Aufmarsch der Nichtregierungsorganisationen (NGO) an den srilankischen Katastrophenküsten beschreibt. «Im Süden tummeln sich die Hilfsorganisationen», geradezu «abartig» sei das, gibt der örtliche Leiter der Organisation FACT (Field assessment and coordination team) zwei Gesandten des Deutschen Roten Kreuzes mit auf den Weg, die sich über Regionen für Langzeitprojekte informieren.

Das Gebot der beginnenden zweiten Phase der Hilfe ist Nachhaltigkeit. In Sri Lanka liefern sich die Hilfsorganisationen einen regelrechten Wettlauf. «Der Kuchen ist eigentlich schon gegessen», sagt FACT-Chef Pawolek mit Blick auf bestimmte Regionen im Süden. Vor der Katastrophe seien 28 internationale Organisationen im Land tätig gewesen. Inzwischen sei die Zahl auf 164 hochgeschnellt. Die meisten von ihnen schwimmen seit der Spendenflut im Geld. Allein der Föderation vom Roten Kreuz stünden insgesamt fast 1,3 Milliarden Schweizer Franken an Geld- und Sachspenden zur Verfügung.

Nothilfe wird zwar immer noch an einigen Orten benötigt; aber mit jedem Tag gewinnen in den Zentralen der Hilfsorganisationen die Projekte an Bedeutung, deren Laufzeit auf mehrere Jahre angelegt ist. So will die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) der Wasserwacht einen neuen Rettungsschwimmerposten am Meer bauen. «Der Wiederaufbaubedarf ist immens», befindet Pawolek. Weil die Spenden jedoch zweckgebunden seien, gehen jetzt DRK-Kundschafter auf die Suche nach längerfristigen Einsatzmöglichkeiten. Pawolek teilt die Sorge von UN-Koordinator Jan Egeland, wenn er die Zweckgebundenheit der Gelder ein «Problem» nennt. Denn in anderen Regionen der Welt leben weiter Menschen in Not, die von der Spendenflut nichts haben.

Martin Baumann von der Deutschen Welthungerhilfe, die sich in der von den tamilischen Befreiungstigern (LTTE) kontrollierten Nordprovinz um die Flutopfer kümmert, sieht den «Run auf die Tsunami-Gebiete» ebenfalls kritisch. Baumann ist Ko-Direktor des Programms Integrated Food Security (IFSP) der Organisation, die schon seit 1972 in Sri Lanka mit dem nationalen Partner Sewalanka kooperiert und jetzt auch die durch Krieg und Flut stark zerstörte Stadt Mullaittivu an der Nordküste mitbetreut – den Ort, mit dem Bielefeld eine der von Bundeskanzler Gerhard Schroeder (SPD) angeregten Patenschaften eingehen will.

Weil das Spendenaufkommen auch bei der Welthungerhilfe «einmalig» groß ist, wie der Pfälzer Baumann sagt, und es gleichzeitig «sehr schnell zu Überlappungen oder Fehlkoordinierungen» im Flutgebiet komme, soll es Partnerschaften geben: Zusammen mit Brot für die Welt, terre des hommes, medico international und Misereor rief die Welthungerhilfe kürzlich das Bündnis «Gemeinsam für Menschen in Not – Entwicklung hilft» ins Leben, um im Katastrophenfall die Kräfte besser bündeln zu können und den Fokus auf Nachhaltigkeit zu richten. Gelder sollen in einen Treuhandfonds fließen, damit sie in Sri Lanka auch in vier bis acht Jahren noch nützen.

Aber auch Entwicklungsprojekte für die kommenden Jahre, die jetzt in den Planungsbüros der NGOs angesichts der prallen Kassen entworfen werden, dürften sich «um Gottes willen» nicht auf die Küste beschränken, mahnt Baumann. Diese Linie vertritt auch Karsten Warnecke, der Leiter des Verbindungsbüros «Soforthilfe Tsunami» der Deutschen Botschaft in Colombo, der sich mit den eigenständig im Land tätigen Hilfsorganisationen zur Abstimmung der Einsätze trifft. «Sri Lanka ist von den Tsunamis stark betroffen, aber im Grunde ist nur rund ein Prozent der Landesfläche zerstört», betont Baumann. Jetzt alles in die Küste «reinzupumpen», schaffe nurweitere ungleiche regionale Lebensbedingungen und damit Nährboden für neue soziale Konflikte.

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