Die Kisten mit den Infrarot-Kameras sind gepackt
Im April fliegen sechs Bundeswehr-Tornados nach Afghanistan
 
von  Julia Naumann

In Jagel beim Aufklärungsgeschwader 51 «Immelmann» herrscht seit dem Bundestagsbeschluss vom Freitag Hochbetrieb. Auf einem der größten Militärflughafen Deutschlands in der Nähe von Schleswig landen täglich russische Iljuschin-Transportmaschinen. Sie holen sperrige Container für Masar-i-Scharif in Nordafghanistan ab, wo Anfang April sechs «Recce”-Tornados des einzigen Aufklärungsgeschwaders der Luftwaffe stationiert werden. Mit hochauflösenden Filmkameras, die an den Rumpf der Kampfflieger geschnallt werden, sollen die Tornados im Rahmen der Internationalen Schutztruppe Afghanistans (ISAF) einen «erheblichen Beitrag» für die Sicherheitslage leisten wie es der Kommodore des Geschwaders, Oberst Thorsten Poschwatta, am Dienstag bei einem «Tag der Offenen Tür» ausdrückte.

Kein Einsatz der Bundeswehr war in der Öffentlichkeit wohl bisher umstrittener als dieser. Poschwatta versucht daher möglichst viel Gelassenheit und Ruhe  auszustrahlen. «Wir sind sehr gut vorbereitet, haben die nötige Erfahrung und gehen mit einem guten Gewissen nach Afghanistan», sagt der 45-jährige drahtige Mann mit dem Bürstenhaarschnitt immer wieder. Natürlich sei auch eine «gewisse Anspannung» vorhanden. Viele seiner 200 Soldaten, die nach Afghanistan geschickt werden, hätten aber langjährige Erfahrung bei Tornado-Einsätzen. Von 1995 bis 2001 absolvierte das Geschwader von Italien aus Aufklärungsflüge über dem ehemaligen Jugoslawien und half zum Beispiel bei der Suche nach  Massengräbern.

Doch jetzt sind die Tornados erstmals auch in einem Einsatzland stationiert, die Gefahrenlage ist dadurch wesentlich höher. Nach dem Bundestagsbeschluss kann das ISAF-Hauptquartier in Kabul ab Mitte April die überschallschnellen Flieger anfordern. Immer zwei von ihnen sollen mit hochauflösenden Kameras Filme und Fotos produzieren. Eine Infrarotkamera kann die Bilder sogar direkt ins Cockpit übertragen und weiterleiten.

Nach der Landung müssen die Bilder dann so schnell wie möglich von den Soldaten der «Luftbildstaffel» ausgewertet werden. Das ist akribische Feinarbeit, denn ohne Vergrößerung sehen die meisten nur grau und verschwommen aus. «Die Kunst der militärischen Luftbildauswertung besteht deshalb darin, unter enormen Zeitdruck mögliche Objekte erst einmal zu entdecken, zu erkennen und genau zu identifizieren», sagt ein zuständiger Major. 45 Minuten nach der Landung könne ein erster Grobüberblick gegeben werden.

Doch handelt es sich bei einer Ansammlung von Männern auf Pickup-Trucks auf einer Straße an der Grenze zu Pakistan um Taliban-Kämpfer, Drogenkuriere oder einfach nur um Bauern? Gegner des Einsatzes befürchten, dass die Bundeswehr durch ihre Aufklärungserkenntnisse, die dann zurück an die ISAF-Zentrale nach Kabul gesendet werden, indirekt in anschließende Bombardierungen oder Angriffe einbezogen wird. Poschwatta betont, die deutschen Verbindungsoffiziere im Hauptquartier in Kabul würden sicherstellen, «für was die Bilder verwendet werden». Er werde zu Beginn des Einsatzes deshalb auch nach Kabul reisen, um zeigen, «was wir können und wo unsere Grenzen sind».

Als größte Herausforderung sieht Poschwatta die extremen Temperaturen und natürlich auch die Starts und Landungen seiner Kampfflieger. In den nahen Bergen von Masar-i-Scharif könnten Aufständische oder Taliban die Flugzeuge mit tragbaren Flugabwehrraketen beschießen. Deshalb muss bei jedem Flug das gesamte Umfeld des Flughafens von Bundeswehrsoldaten gesichert werden. Weniger als einen Minute braucht der Tornado auf der Landebahn zum Abheben, etwa drei Minuten, bis er eine sichere Höhe von 4000 Metern erreicht hat. An den Tornados sind deshalb zwei Kanonen zum Selbstschutz befestigt.

Der größte Feind in Afghanistan, der rotbraune Sand, der überall einen klebrigen Film hinterlässt und bei heftigerem Wind den Flugverkehr in Masar-i-Scharif häufig für Tage lahmlegt, wird nach Ansicht von Poschwatta kein Problem darstellen: Die Tornados sind in geschützten Hangars untergestellt. «Wie gehen davon aus, dass wir jeden Tag fliegen werden.»


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