Berichterstattung unter extremen Bedingungen
In Afghanistan leben nur wenige deutsche Journalisten
 
von  Julia Naumann

Während sich in Deutschland die Meldungen über eine vermeintliche Entführung des «Stern”-Journalisten Christoph Reuter überschlugen, saß der 39-jährige nach eigenen Angaben «friedlich im Garten». «Ich war nie entführt», teilte er seiner besorgten Redaktion in Hamburg per SMS-Nachricht vom Hindukusch mit. Wie der Gouverneur der ostafghanischen Provinz Kunar am späten Nachmittag bekanntgaben, war es stattdessen ein dänischer Reporter afghanischer Abstammung, der von den Taliban entführt, aber nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt worden war.

Obwohl die Entführung des dänischen Journalisten glimpflich ausging, wirft der Vorfall doch ein neues Schlaglicht auf die extremen Bedingungen, unter denen Journalisten in Afghanistan arbeiten. Selbst für erfahrene Reporter sind die Gefahren groß. Daher halten sich in dem Land auch nur wenige deutsche Journalisten auf. Die meisten Korrespondenten sitzen in Neu Delhi oder Singapur und fliegen bei wichtigen Ereignissen kurzfristig in die afghanische Hauptstadt Kabul. Von Deutschland aus nimmt die Bundeswehr mit ihren Truppentransportern regelmäßig Journalisten mit, 2006 waren es zwischen 120 und 130. Ein Presseoffizier der Bundeswehr kümmert sich dann in Kabul, Kundus oder Masar-i-Scharif um die Reporter, vermittelt Unterkünfte und Interviews mit Soldaten.

Wer jedoch außerhalb jener Gebiete herumreisen will, in denen die Bundeswehr stationiert ist, ist auf einheimische Fahrer und Dolmetscher angewiesen. Für solche Reisen sollten sich die Reporter beim afghanischen Außenministerium akkreditieren und möglichst auch bei der deutschen Botschaft in Kabul melden. Ferner gilt es als ratsam, landesübliche Kleidung zu tragen und sich nicht mit auffälligen Jeeps oder anderen großen Autos zu bewegen.

“Die meisten deutschen Journalisten, die sich in Afghanistan aufhalten, sind nach unseren Informationen sehr erfahren», sagt die Sprecherin von «Reporter ohne Grenzen», Katrin Evers. Auch für alte Hasen ist die Berichterstattung jedoch sehr kompliziert. So unterhalten beispielsweise nur wenige – meist einheimische – Journalisten vor Ort Kontakt mit den Sprechern der Taliban. Diese melden sich per Handy oder SMS-Kurznachricht. Ob die Sprecher der Taliban sich überhaupt in Afghanistan aufhalten oder in Pakistan, ist dabei nicht bekannt. Ein Büro besitzen sie natürlich nicht.

Aber auch schon allein die Datenübertragung aus dem Land mit den hohen Bergen und weiten Täler ist äußerst schwierig. Zwar funktionieren in vielen Städten mittlerweile Handys, doch zuverlässiger sind noch immer Satellitentelefone. Das EU-geförderte «Afghanistan NGO Safety Office» (ANSO), ein Netzwerk von Hilfsorganisationen mit vielen Zweigstellen, verschickt regelmäßig Sicherheitshinweise an die Journalisten. Darin werden zum Beispiel bestimmte Dörfer oder Moscheetreffpunkte angegeben, die als besonders gefährlich gelten. Um die Berichterstattung sicherer zu machen, verleiht «Reporter ohne Grenzen» auch kugelsichere Westen, Helme und navigationsgestützte GPS-Geräte zur Ortung.

Neben dem kurzzeitig verschleppten Dänen wurden seit 2006 laut «Reporter ohne Grenzen» neun weitere Journalisten in Afghanistan entführt – zwei Pakistaner, zwei Italiener, ein Brite und vier Afghanen. 2006 wurden zwei Journalisten der Deutschen Welle getötet sowie ein afghanischer Kameramann. In diesem Jahr wurden zwei einheimische Journalistinnen und ein Journalist umgebracht.

Bei den ausländischen Reportern sei allerdings unklar, ob sie «wegen ihrer journalistischen Tätigkeit» entführt oder getötet wurden, sagt Evers. Meistens stünden andere Motive im Hintergrund, etwa die Forderung nach Lösegeld oder die nach dem Abzug der ausländischen Soldaten.


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