Auf über fünfhundert Flügen viertausend Fotos geschossen
Sechs Tornados sind seit fünf Monaten in Afghanistan im Einsatz
 
von  Julia Naumann

Der rotbraune Sand aus dem nahen Marmal-Gebirge ist der größte Feind in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif, er ist überall und hinterlässt eine klebrige Schicht. Doch den deutschen Tornados schadet er nicht: sie stehen in blitzsauberen weißen Hangars. «Die Flugzeuge funktionieren besser als in Deutschland, weil die Luft hier trockener ist», sagt der Chef des Geschwaders, Oberst Thorsten Poschwatta.

Die sechs «Recce”-Flugzeuge des Aufklärungsgeschwaders 51 Immelmann sind seit fünf Monaten in Einsatz – über fünfhundert Flüge haben sie bereits absolviert und dabei über viertausend Fotos geschossen.
Poschwatta, der in dieser Woche turnusmäßig nach Deutschland zurückkehrt, ist mit dem bisherigen Einsatz der Tornados äußerst zufrieden. «Wir wollen zur Sicherheit des Landes beitragen und genau das tun wir hier», sagt er.

Das sehen im fernen Deutschland einige Bundestagsabgeordneteanders: bei Teilen der Grünen und der SPD gibt es Kritik an dem Einsatz. Sie befürchten, dass die Aufklärungsbilder an die US-geführte Anti-Terror-Mission «Enduring Freedom» (OEF) weitergegeben und dort auch zur Vorbereitung von Bombardierungen genutzt werden könnten. Der Grünen-Sonderparteitag beschloss am Samstag gegen den Willen der Spitze, dass die Grünen dem kombinierten Mandat für ISAF und Tornados nicht zustimmen sollen. Am Donnerstag debattierte der Bundestag erstmals über das zusammengelegte ISAF/Tornado-Mandat, am 11. Oktober wird abgestimmt.

Poschwatta sagt mit Blick auf die kritischen Stimmen aus Deutschland, die täglichen Aufträge für die Tornado-Flüge kämen vom ISAF-Oberbefehlshaber, dem Amerikaner Dan McNeill, aus der afghanischen Hauptstadt. Schon bei der Auftragsverteilung würden sie auf «Mandatstreue» geprüft. «Nur ISAF-Anfragen werden von uns bearbeitet», betont Poschwatta.

Täglich werden zweimal jeweils zwei Tornados mit Filmkameras, die an den Rumpf der Kampfflieger geschnallt werden, in die Luft geschickt, um Aufklärungsbilder von ganz Afghanistan zu schießen.
Zwischen einer und drei Stunden sind überschallschnellen Flieger unterwegs. Nach der Landung auf der circa drei Kilometer langen Landebahn, die noch aus Sowjetzeiten stammt, werden die Filme von Soldaten der «Luftbildstaffel» in abgedunkelten Containern entwickelt und ausgewertet.

Die DIN-A4-großen Negative sind schwarz-weiß und sehen auf den ersten Blick aus wie verwackelte Schnappschüsse. So ist beispielsweise auf einem Foto zwar deutlich erkennbar ein Fluss mit vielen Seitenarmen zu sehen, doch erst in der Vergrößerung auch die – möglicherweise wichtigen – Details: eine Schafherde, Zelte und sogar ein ausgeworfenes Fischernetz. «Das sind Nomaden, das ist harmlos», sagt einer der Fotoauswerter. Interessant seien dagegen Satellitenschüsseln an Häusern, aber auch Höhlen. Die Nassbildkameras können mit einem schwenkbaren Auge unter Brücken fotografieren oder auch in Höfe mit hohen Mauern hineinknipsen.

Wenn die Fotos von den Soldaten der «Luftbildstaffel» zusammen mit den Piloten begutachtet und ein anschließender Bericht darüber abgefasst worden ist, wird dieser verschlüsselt zum ISAF-Hauptquartier nach Kabul geschickt. Das dauert zwischen 45 Minuten und vier Stunden – je nachdem, wie kompliziert die Bilder sind.

Bei den Aufträgen geht es jedoch nicht nur um die Jagd nach den Taliban, sondern auch darum, beim Wiederaufbau zu helfen. So habe es im April in der Nähe der Stadt Faisabad im Norden einen Erdrutsch gegeben, erzählt Poschwatta.

Die Auswerter können auch andere Details orten, ob ein zerstörter Panzer am Straßenrand von 1980 oder 1985 stammt. Doch ob es sich bei einer Menschenmenge um Taliban oder oder einfach nur um Bauern handelt, das kann nur schwer bewiesen werden. Um das herausfinden zu können, gehören noch andere Formen der Aufklärung wie die Überwachung von Telekommunikation oder die Beschattung von Verdächtigten dazu. «Die Tornados sind nur ein Teil des Puzzles», sagt Poschwatta.


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