Weibliche Logistik in einer Männerdomäne in Afghanistan
Weibliche Logistik in einer Männerdomäne in Afghanistan
 
von  Julia Naumann

Nachdem sie sich freiwillig gemeldet hatte, erfuhr Claudia M. im April, dass ihr Einsatzort bei der Bundeswehr vier Monate lang das afghanische Masar-i-Scharif sein wird. Doch ihrer Familie sagte sie erst drei Wochen vor ihrem Abflug Bescheid. «Ich wollte sie nicht beunruhigen.» Die 22-Jährige ist jetzt seit einem Monat in dem Logistik-Lager mitten in der Wüste und hilft bei der technischen Organisation der Tornado-Überwachungsflüge. Sie arbeitet in einer absoluten Männerdomäne: Von den rund 200 Bundeswehr-Soldaten des Einsatzgeschwaders «Immelmann» sind nur neun Frauen. «Ich werde hier respektiert, doch manchmal ist es auch ganz schön schwer», resümiert die Reiseverkehrskauffrau.

70 der insgesamt rund 1700 deutschen Soldaten in Masar-i-Scharif sind weiblich. Seit 2001 dürfen Frauen nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs in der Bundeswehr nicht nur Sanitätsdienst leisten, sondern auch Panzerkommandeurin werden. Insgesamt sind sieben Prozent aller Berufs- und Zeitsoldatinnen weiblich, im Sanitätsdienst sind es 30 Prozent. «Der Job des Soldaten ist nicht vom Geschlecht abhängig, sondern von der Persönlichkeit und Fähigkeit», sagt Manuela D., die im Bundeswehrlager in Kundus arbeitet, und in Deutschland Gleichstellungsbeauftragte der Division Spezielle Operationen ist.

Tanja L. hat sich schon immer für Flugzeuge interessiert. Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs plante sie ihre Karriere deshalb systematisch. Sie kündigte ihren Job in einer Import-Export-Firma und wollte Hubschrauberpilotin werden. Wegen ihrer Sehschwäche fiel die hochgewachsene sportliche Frau allerdings bei den Eignungstests durch und unterstützt jetzt die Tornado-Crews im nordafghanischen Masar-i-Scharif bei der Planung ihrer Routen. «Ich wollte sehen, wie die Belastung ist, ob ich das körperlich und psychisch aushalte», sagt die 25-Jährige. Mit dem Einsatz in fremden Ländern hat sie kein Problem. «Ins Ausland gehen gehört zum Berufsbild dazu.»

Auch Tanja fühlt sich von den Männern «eigentlich» respektiert, doch genauso wie Claudia sagt sie mit Blick auf ihren Job: «Ich muss immer beweisen, dass ich es kann, und möglichst noch viel besser sein.» Sie sei besonders bei älteren Kollegen auf Unverständnis gestoßen, manche hätten sich sogar bedroht gefühlt.
«Ich musste mich in den letzten Jahren sehr öffnen und meine Motivation erklären.»

In dem nordafghanischen Feldlager, das die Soldaten und Soldatinnen zu privaten Ausflügen nicht verlassen dürfen, herrschen verschärfte Lebensbedingungen. Frauen und Männer, die durchschnittlich vier Monate bleiben, wohnen in Container-Häusern mit nach Geschlechtern getrennten engen Zwei- oder Dreibettzimmern. Auch die Duschen sind natürlich getrennt, genauso wie die Toiletten. «Das ist für uns wenige Frauen echter Luxus, denn die sind immer leer und sauber», sagt Claudia.

Privatsphäre und Rückzugsräume gibt es faktisch kaum. Abends in der «Betreuungseinrichtung», die bis 23.00 Uhr geöffnet ist, sitzen Männer und Frauen oft in gemeinsamer Runde. «Ich hab hier ein paar Kumpels, die passen immer auf mich auf», sagt Claudia. Ein paar «blöde Sprüche» oder «komische Blicke» hätten beide schon erfahren, aber das sei auch nicht anders als in Deutschland. Beide Frauen haben sich Mechanismen angewöhnt, um möglichst wenig aufzufallen. Sie binden ihre langen Haare grundsätzlich zu einem Zopf, nicht nur wegen der Hitze, sondern auch, weil offene Haare «irgendwie provozierten», sagt Tanja.

Für die im Lager rund 1000 arbeitenden Afghanen sind die deutschen Frauen im wüstenfarbenen Tarnanzug mit hochgekrempelten Ärmeln und in Tropen-Kampfstiefeln völlig fremde Wesen – dementsprechend werden sie auch angestarrt. Um doch ein bisschen Privatsphäre zu haben, griffen die Frauen deshalb zu soldatischen Mitteln. Mit Sandsäcken schichteten sie nahe der Container-Baracken viereckige Schutzwälle auf. In den so entstandenen kleinen Innenhöfen können sie in ihrer wenigen Freizeit wenigstens ungestört plaudern und sich ein bisschen sonnen.


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