Organisiert wie eine deutsche Kleinstadt
Im Lager im afghanischen Masar-i-Scharif leben 1700 Deutsche
 
von  Julia Naumann

In Deutschland würde sich die Pfarrer über so viel Zulauf freuen. Der Gottesdienst in der Kapelle im nordafghanischen Bundeswehrlager Masar-i-Scharif ist wie jeden Sonntagmorgen so gut besucht, dass der Militärpfarrer jetzt auch eine Abendandacht eingeführt hat. Für viele Soldaten ist es der Höhepunkt der Woche – weil sie Zuspruch finden und Abwechslung im Soldatenalltag. Mit 1700 Deutschen sind in Masar-i-Scharif rund die Hälfte des deutschen ISAF-Einsatzkontingents untergebracht; von dort werden die regionalen Wiederaufbauteams (PRTs) in Kundus und Faisabad versorgt, und dort sind die Tornados stationiert. Bisher ist es im Lager ruhig geblieben und nicht wie erst am Sonntag in Kundus mit Raketen beschossen.

Deutsche Soldaten in Afghanistan
Deutsche Soldaten in Afghanistan ((c)AFP)
Seit März 2006 bauen die Deutschen das Lager am Rande des Marmal-Gebirges zu einem riesigen logistischen Umschlagplatz für Treibstoff, Material und allem aus, was Soldaten im Auslandseinsatz in Afghanistan brauchen, von der Orange bis zum LKW, vom Gewehr bis zur Sonnencreme. Das wird mit deutscher Gründlichkeit gemacht. Auf der ein mal zwei Kilometer großen staubigen Fläche wurden 380.000 Kubikmeter Schotter aufgetragen – aus Schutz vor einer Sandmücke, die Parasiten übertragen kann.

Die ockerfarbigen kasernenartigen Schlafcontainer sind klimatisiert, im Sommer können es schon mal 40 Grad im Schatten werden, im Winter minus 25. Es gibt ein gut ausgestattetes Krankenhaus, eine Baumschule und eine Kantine, in der die Soldaten die größtenteils aus Deutschland eingeflogenen Mahlzeiten wie Currywurst und Sauerkraut zu sich nehmen können.

Rund tausend Afghanen arbeiten für wenige Euro am Tag im «Camp Marmal», hacken Steine und bauen Container zusammen. Das Lager ist auf dem Reißbrett entstanden, es ist eine deutsche Kleinstadt im Wüstensand. Doch Deutschland und die politischen Diskussionen über die Sinnhaftigkeit der Bundeswehr-Einsätze in Afghanistan sind in der vegetationslosen Wüste so fern wie ein Feierabendstau auf deutschen Autobahnen.

Manuel M. ist seit dem 1. Juli im Camp und bleibt vier Monate. Der 26-Jährige ist Sanitäter, und es ist nach dem Kosovo sein zweiter Auslandsaufenthalt. «Ich war bisher kein einziges Mal draußen», sagt er ein bisschen frustriert. Nur eine Minderheit darf regelmäßig das Lager für Patrouillen oder Transporte verlassen, private Ausflüge sind nicht gestattet. Manuel bezeichnet sich selbst als «hochmotiviert» und arbeitet oft länger als die üblichen zwölf Stunden. Er würde auch in den umkämpften Süden des Landes gehen, wenn er den Befehl bekäme, «nach Kandahar für drei Wochen ins Hospital». Nicht jedoch in einen Kampfeinsatz wie die ISAF-Truppen der Kanadier oder Niederländer. «Die Bundeswehr ist eher für ihre gute Logistik bekannt.»

Von den Debatten in Deutschland bekommt Manuel wenig mit. Nicht, dass er daran nicht interessiert wäre, doch die Informationsbeschaffung gestaltet sich als schwierig. Es gibt wenige internetfähige, für alle zugängige Rechner und nur wenige privat nutzbare Telefone. Zeitungen sind rar, und wenn mal welche mit dem Flieger ankommen, sind sie einige Tage alt. «Es ist hier ein bisschen wie in einer Käseglocke», sagt der 26-Jährige.

Sich in seiner begrenzten Freizeit sinnvoll zu beschäftigen ist schwierig. Privatsphäre gibt es kaum, in den Zehn-Quadratmeter-Containern wohnen oft drei Soldaten. Es gibt drei «Betreuungseinrichtungen» mit schwungvollen Namen wie «Planet Masar» oder «Beachclub». Dort sind eine kleine Bibliothek, Tischkicker, und bis 22.00 Uhr gibt es Bier und Wein.

Im Gegensatz zu Kundus, wo im Mai drei Bundeswehr-Soldaten durch einen Selbstmordattentäter auf dem örtlichen Markt starben und bei einem ähnlichen Anschlag am vergangenen Freitag drei verletzt wurden, ist «Camp Marmal» bisher verschont geblieben. Trotz aller Routine sind sich die Soldaten der überall in Afghanistan bestehenden Bedrohung auch in Masar-i-Scharif bewusst. Sie müssen jederzeit reagieren können und tragen daher ständig eine Pistole.


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