Lebensgefährlicher Job am Hindukusch
Afghanen lernen von deutschen Ausbildern den Polizeieinsatz
 
von  Julia Naumann

Es sind die Grundregeln der Beschwichtigungsstrategie. Demonstranten nicht anschreien, nicht einfach auf sie einknüppeln, nur im absoluten Notfall schießen – im Norden Afghanistans, in Masar-i-Scharif, trainieren deutsche Polizisten in fünfwöchigen Intensivkursen afghanische Kollegen für den Einsatz als Bereitschaftspolizisten an den Krisenherden ihres Landes. Besonders in den Großstädten Afghanistans werden die Polizisten dringend gebraucht; zunehmend gibt es dort gewaltsame Proteste gegen die Zentralregierung, Anschläge und Selbstmordattentate.

Afghanische Polizisten
Training Afghanischer Polizisten ((c)AFP)
Deutschland will deshalb die Polizeiausbildung massiv verstärken. Die Berliner Landespolizei konzipierte die Lehrinhalte des bilateralen Projekts ANCOP, mit dem bis zum kommenden Jahr rund 5000 afghanische Polizisten ausbildet werden sollen. Das Projekt «Afghan National Civil Order Police» wurde im Mai 2006 ins Leben gerufen und wird gemeinsam von den USA und Deutschland geleitet. Anlass dafür waren blutige Proteste in Kabul, bei denen völlig überforderte afghanische Polizisten eine gegen die US-Armee protestierende Menschenmenge nicht unter Kontrolle bringen konnten.

Der Polizei-Job in Afghanistan ist extrem gefährlich; allein in diesem Jahr starben bereits rund 700 afghanische Polizisten bei Anschlägen. In den vergangenen Monaten trainierten in der Nähe des Bundeswehrlagers in Masar-i-Scharif zehn deutsche Polizisten mehrere hundert Afghanen speziell im Umgang mit Demonstranten. Dabei wurde ihnen unter anderem beigebracht, Checkpoints einzurichten, Straßen effizient abzusperren und größere Veranstaltungen zu schützen.

Die zwischen 20 und 30 Jahre alten Männer, die zu Polizisten ausgebildet werden, leben in einem neu errichteten Lager südlich von Masar-i-Scharif. Jeder einzelne wurde von US-Soldaten in Kabul, Kandahar oder Herat rekrutiert. Als erstes bringen die US-Ausbilder in einem dreimonatigen Training die Grundlagen wie Erste Hilfe und Schutzregeln zur eigenen Sicherheit bei.

Statt der eher militärischen Übungen der US-Ausbilder setzen die deutschen Trainer anschließend mehr auf den zivilen Charakter. «Wir haben den Polizisten erstmal wieder abgewöhnt, im Stechschritt zu marschieren», sagt der Berliner Polizist Jörg Neuhaus, der bei der Ausbildung in den vergangenen Monaten dabei war. «Wir wollen den Männern beibringen, dass friedliche Demonstrationen legitim sind und von der Staatsgewalt akzeptiert werden müssen», sagt der 41-Jährige. Er ist seit 22 Jahren Polizist und in Berlin derzeit Zugführer einer Einheit, die auf zahlreichen Demonstrationen wie am 1. Mai oder bei den G-8-Protesten eingesetzt wurde.

Die afghanischen Kollegen lernen, wie sie einen Demozug effizient begleiten, aber auch wie sie sich gegen Flaschen und Steinwürfe von Randalierern schützen können. Dabei müssen sie ausgerüstet mit Schutzschilden und Schlagstöcken im Training ständig die Seiten wechseln – mal sind sie gewaltbereite Demonstranten, mal Polizisten. Ausgebildet werden nicht nur einfache Straßenpolizisten, sondern auch Führungskräfte, die ihr Wissen dann weitergeben sollen.

Neuhaus bezeichnet seine Auszubildenden, die während des Trainigs 70 Dollar und anschließend das Doppelte monatlich verdienen, als «hochmotiviert». Abhängig von den Wetterbedingungen hätten die Männer täglich fünf bis acht Stunden trainiert. Wie die Polizisten sich in ihren späteren Einsätzen tatsächlich verhalten werden, ob sie sich wie viele Kollegen korrumpieren lassen oder sich womöglich den Taliban anschließen, kann Neuhaus nicht abschätzen. «Ich kann nicht in die Köpfe hineinschauen.»

Erste Erfolge von ANCOP gibt es bereits: Als die entführte Deutsche Christina M., Mitarbeiterin der Hilfsorganisation ora international, Mitte August in einem Großeinsatz in Kabul befreit wurde, waren ANCOP-Polizisten maßgeblich beteiligt.


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