Abschiebung eines 16-Jährigen
Senad T. aus Berlin irrt wochenlang ohne Bleibe durchs Kosovo
 
von  Ralf Isermann

Senads Atem ist vor Kälte weiß. “Hier kann ich noch die nächste Nacht bleiben, dann muss ich wieder woanders fragen.” Der 16-Jährige blickt auf seine Bleibe, einen Verschlag ohne Heizung und Wasser, in dem an diesem Januartag Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt herrschen. Seit Mitte November  2007 lebt er so. Am 11. November holte die Polizei den 16-Jährigen frühmorgens im Berliner Stadtteil Neukölln ab, setzte ihn ein paar Stunden später alleine ins Flugzeug. Abends war Senad in Belgrad, einer ihm unbekannten Stadt. Von dort schlug er sich ins Kosovo durch, wo Angehörige leben. Doch Senad ist hier unwillkommen.

Senad T. (r) und seine Mutter Hatmane T. ((c)AFP)
Von seinen 202 Lebensmonaten verbrachte Senad T. die ersten acht Monate in Belgrad und die zwei Monate seit seiner Abschiebung im Kosovo. Die 192 Monate dazwischen war er Berliner. In dieser Zeit war er nicht auffällig geworden, er hat keinerlei Vorstrafen. Seine Lehrer beschreiben ihn als “etwas fülligen, immer fröhlichen und freundlichen Jungen.” Nachdem er einmal sitzengeblieben war, hatte er sich schulisch aufgerappelt: In diesem Jahr wollte Senad seinen erweiterten Hauptschulabschluss machen, mit einer bereits zugesagten anschließenden Tischlerlehre.

Doch nun ist Senad nicht mehr füllig und seine Fröhlichkeit ist Resignation gewichen. “Die haben mir mein Leben kaputt gemacht.” Senad schafft es nicht einmal, Wut in seine Stimme zu legen, während er dies sagt. Die Schultern des  großgewachsenen Jungen hängen mutlos nach vorne. Seine Körperhaltung wird noch schlaffer, als seine Mutter zu weinen beginnt.

Mitte Dezember ist sie ihm nachgereist, in die Nähe des Standortes der deutschen KFOR-Soldaten in Prizren. Sie lebte dort als Kind. Alle zwei bis drei Tage packt sie jetzt die Reisetaschen. Senad muss das spärliche Gepäck dann über die schlammigen Feldwege tragen in Dörfer, deren Namen er sich nicht merken kann. Sie gehen bei Verwandten fragen, ob sie bleiben können. Gegen Hilfe im Haushalt gibt es einen Schlafplatz und Essen. “Doch dann müssen wir weiter, die haben doch auch alle nichts”, sagt Senad. Zur Schule kann er nicht, weil er Albanisch weder lesen noch schreiben kann.

Wieder weint Senads Mutter. Sie war in Deutschland in einer anonymen Anzeige denunziert worden, ihre Ehe mit Senads deutschem Stiefvater sei eine Scheinehe. Statt der erhofften unbefristeten Aufenthaltserlaubnis gab es plötzlich Befristungen für die Mutter und ihre zwei Söhne. In dem Prozess, in dem sich die Putzfrau gegen den Vorwurf der Scheinehe wehrte, stellte sie sich laut Jens-Uwe Thomas vom Flüchtlingsrat Berlin ungeschickt an. Sie machte falsche Angaben über die Finanzen der Familie, zerstritt sich mit ihrem Anwalt. “Nicht ganz glücklich gelaufen” sei das verlorene Verfahren, sagt Thomas lakonisch.

Die Situation ist absurd: Der angebliche Scheinehemann lebt mit Senads älterem Bruder in Berlin, der Anstreicher schickt das von seinem Gehalt Gesparte in das Kosovo. Derweil versucht der Flüchtlingsrat, einen Ansatz zu finden, damit die zerrissene Familie in Berlin vereint werden kann. Eine Sprecherin von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagt, dass Ausweisungen streng geprüft werden – auch wenn sie sich zu Einzelheiten nicht äußern dürfe.

Thomas räumt ein, dass formaljuristisch eine Rückkehr schwer durchsetzbar sei. Aber politisch und humanitär sieht er eine Chance: Deutschland hat 1992 die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert, wonach dem Wohl eines Kindes immer Vorrang zu geben ist. Deutschland machte zwar die Einschränkung, dass ausländerrechtliche Regelungen Vorrang haben. Aber in seinem Koalitionsvertrag fordert der Berliner Senat die Aufgabe dieses Vorbehalts – da könnte er bei Senad doch ein Zeichen setzen, sagt Thomas. Eine dünne Hoffnung. Beim Abschied fragt Senad leise: “Hab’ ich wohl Chancen, wieder nach Hause zu dürfen?”

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