Gespannte Ruhe im “Paradies”
KFOR bewacht den Übergang des Kosovo zur Unabhängigkeit
 
von  Ralf Isermann

Der Weg ins Paradies führt an Panzern und Maschinengewehren vorbei. Nur wer zwei streng bewachte Kontrollposten hinter sich gebracht hat, kann das oberhalb von Pristina im Kosovo gelegene Gelände des KFOR-Hauptquartiers betreten. Dort gibt es eine Straße mit Läden und internationalen Bars, weshalb die karg in einem Feldlager in Prizren untergebrachten Bundeswehrsoldaten die KFOR-Zentrale auch das “Paradies” nennen. Doch von Ruhe wie im Garten Eden kann keine Rede sein. Je näher der erwartete Tag der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo rückt, desto größer wird die Anspannung.

Deutsche KFOR-Soldaten ((c)AFP)
Nach den Signalen  im Vorfeld dürfte der Übergang des Kosovo in den Status eines unabhängigen Staates weniger reibungslos ablaufen als erhofft. Der russische Präsident Wladimir Putin beharrt trotz aller diplomatischen Bemühungen auf seinem kategorischen “Nein”, die de facto bereits bestehende Trennung der 1,9 Millionen Kosovaren von Serbien auch auf dem Papier zu vollziehen.

Die Serben selbst signalisierten in der ersten Runde der Präsidentschafswahl mit der Stärkung des Nationalisten Tomislav Nikolic ebenfalls ihre Ablehnung. Egal ob Nikolic oder der gemäßigte Amtsinhaber Boris Tadic in der zweiten Runde zum serbischen Präsidenten gewählt wird: Es wird in Belgrad heftige Widerstände gegen die Unabhängigkeitserklärung geben, die der kosovarische Ministerpräsident Hashim Thaci sehr bald nach der Wahl verkünden will.

Deutsche KFOR-Soldaten auf Patrouille ((c)AFP)
Die daraus drohenden Risiken spielen die Verantwortlichen in der KFOR-Zentrale seit Monaten durch. Kern der Pläne ist das Task-Force-Konzept: Die internationalen Truppen der KFOR können danach überall im Kosovo rasch zusammengezogen und eingesetzt werden, wann und wo auch immer sie benötigt werden. Dies verlangt viele Absprachen unter den KFOR-Ländern, da die mit den stärksten Truppen vertretenen Länder die Provinz untereinander in Gebiete aufgeteilt haben. Während die Aufteilung früher eher starr eingehalten wurde, vermischen sich die Kontingente mittlerweile stärker, wie ein Bundeswehr-Verantwortlicher sagt.

Permanent finden im Land Manöver statt, in denen die Abläufe erprobt werden. Kurz vor Weihnachten wurden 500 deutsche Gebirgsjäger zum Manöver nach Mitrovica in den Norden des Kosovo geschickt. Sie schafften es dort deutlich schneller als in den Plänen vorgesehen, ihr Lager zu errichten und sich einsatzfähig zu machen, wie es in der KFOR-Zentrale anerkennend heißt. Dass Tempo im Kosovo entscheidend sein kann, zeigte sich im März 2004. Damals wurden in Folge von Unruhen trotz der KFOR-Präsenz 19 Menschen getötet und mehr als 900 Menschen verletzt.

Kosovo ((c)AFP)
Als größte Gefahr für ihre KFOR-Mission hatte die NATO stets eine einseitige Unabhängigkeitserklärung des Kosovo genannt. Da genau diese Situation jetzt eintreten wird, reagierte das Militärbündnis entsprechend. Über die bereits 17.000 in der Provinz stationierten Soldaten hinaus wurden weitere 560 Soldaten für den Einsatz in der südserbischen Provinz mobilisiert.

Im an Serbien grenzenden Norden des Kosovo ist die Lage besonders gespannt. Dort liegt die durch den Fluss Ibar geteilte Stadt Mitrovica, die im Südteil von etwa 60.000 Albanern und im Nordteil von etwa 20.000 Serben bewohnt wird. In Mitrovica hätten sich unter Kosovo-Albanern und Serben radikale Gruppen konzentriert, heißt es bei der KFOR. Im Kosovo kursieren Gerüchte, dass sich am Tag der Unabhängigkeitserklärung der serbische Teil Mitrovicas von der Provinz abtrennen und als Teil Serbiens erklären wird. Aber selbst wenn es solche Pläne gebe – angesichts der starken Truppenpräsenz werde die KFOR dies zu verhindern wissen, heißt es im Hauptquartier.

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