Milosevics Erben suchen neuen Hass zu säen
Im geteilten Mitrovica geht es um die Zukunft des Kosovo
 
von  Ralf Isermann

Es scheint Frühling zu werden in Mitrovica. Zu Dutzenden balzen die Enten im Ibar, nur eine Frage der Zeit, dass im Schlepptau Küken mitschwimmen. Für das Erwachen der Natur haben die schwer bewaffneten KFOR-Soldaten keinen Blick. Die Männer mit der französischen Flagge auf der Uniform marschieren gerade vom Südteil Mitrovicas, wo die albanische Bevölkerung die Tage bis zur Unabhängigkeit des Kosovo zählt, über die einzige Brücke der Stadt in den serbischen Nordteil. Die Serben wählen dort am Sonntag in der ersten Runde einen neuen Präsidenten. Für die meisten ist klar, was dessen wichtigste Aufgabe ist: die Unabhängigkeit des Kosovo zu verhindern, zur Not mit Gewalt.

Brücke zwischen Nord- und Südteil von Mitrovica ((c)AFP)
Mitrovica ist der nördlichste Zipfel des von der UN verwalteten Kosovo und liegt nahe zu Serbien. Im Südteil leben etwa 60.000 Albaner, im Nordteil 20.000 Serben. Die Stadt ist de facto geteilt. Auf dem Marktplatz im serbischen Teil diskutieren die Menschen an diesem Sonntag ihre Erwartungen an die Wahl. Die Stände der Händler sind dabei umringt von Plakatwänden: Fast überall hängen Bilder des Ultranationalisten Tomislav Nikolic, der auch in den jüngsten Umfragen vorne lag. Fast nirgends hängen dagegen Bilder vom pro-europäischen Noch-Amtsinhaber Boris Tadic. Auch das Porträt eines Dritten ist vereinzelt zu sehen: Slobodan Milosevic. “Wählt die Wahrheit”, steht unter dem Konterfei des während seines Kriegsverbrecher-Prozesses Verstorbenen.

Einer, der zu den Erben Milosevics zu zählen ist, ist Milan Ivanovic. Ivanovic gehört zur Partei von Ultranationalist Nikolic, er ist Präsident des serbischen Nationalrats von Nord-Kosovo. Als der Lungenarzt ins Wahllokal kommt, trägt ihm einer der Wahlleiter wie ein Paladin den Kuli in seine Kabine. Was Ivanovic zu sagen hat, kann die Sorge um das als Krisenherd Europas geltende Kosovo nur erhöhen. “Die KFOR und UNMIK haben in den letzten neun Jahren nicht viel gemacht”, sagt Ivanovic. Deshalb habe er wenig Hoffnung, dass sie die Unabhängigkeitserklärung verhindern. “Wir werden aber auf jeden Fall unsere Rechte verteidigen – wenn nötig auch mit Gewalt.”

Serbische Studenten bei einer Demonstration in Mitrovica ((c)AFP)
Die markigen Worte des Ultranationalisten finden im Schulzentrum Mitrovicas, wo eines der Wahllokale ist, fruchtbaren Boden. “Das würde ich nie akzeptieren”, sagt Ivo Kostic, ein 56 Jahre alter Geschäftsmann zur Unabhängigkeit des Kosovo. Mit wütender Stimme reagiert Slavica Micevski auf die Frage danach. “Das ist Serbien. Das ist serbisches Land”, sagt die Mutter von drei erwachsenen Söhnen. Zur Not müsse halt gekämpft werden, plappert sie den Ultranationalisten nach. Wirklich? Naja, sagt die 52-Jährige dann, von ihren Söhnen wolle sie keinen kämpfen sehen. “Ich will keinen Krieg mehr.”

Nein, einen Krieg will auch Agron nicht. Der 33-Jährige hat gerade im albanischen Teil Mitrovicas seinen kleinen Lebensmittelladen aufgeschlossen, eine Zigarettenkippe im Mund blinzelt er zufrieden in die Sonne. Auf jeden Fall müsse nun die Unabhängigkeit kommen. Jeder wisse, dass Premierminister Hashim Thaci die Unabhängigkeit erklären wolle, sobald Serbien einen neuen Präsidenten habe. Für seine Stadt erwartet der Händler zwar nichts Gutes, “es wird dann wieder zu Kämpfen auf unserer Brücke kommen.” Aber Dank der KFOR-Truppen werde es sicher keinen Krieg mehr geben.

Für die Kosovo-Albaner ist die KFOR so etwas wie die Garantie für das künftige Glück ihres kleines Landes. “Mit der Hilfe der KFOR schaffen wir die Unabhängigkeit”, sagt Rrahime Syla, eine 44 Jahre alte Übersetzerin. Xhevat Milftari hofft, dass die KFOR-Truppen die derzeit stabil wirkende Ruhe in Mitrovica auch nach der Unabhängigkeitserklärung aufrecht halten können. Mit der Zeit würden dann auch die beiden Völker wieder zueinander finden. “Die Serben sind unsere Nachbarn”, sagt der 73-Jährige. Irgendwann müsse sich auf dem Balkan die Toleranz durchsetzen – auch er sei bereit zu vergeben, dass 1999 sein Haus abgebrannt und er selbst fast zu Tode geprügelt wurde.

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