Nulltoleranz gegen ethnische Gewalt
Schutztruppe im Kosovo setzt auf harte Linie
 
von  Ralf Isermann

Es könnte wunderschön an diesem Ort sein. St. Kyriake liegt in Hanglage über Prizren, eine kleine Kapelle der orthodoxen Serben. Doch außer dem beige verklinkerten Gotteshaus mit dem Zwiebelturm ist nichts mehr schön an diesem Ort – Hauptfeldwebel Olaf G. muss seine Patrouille an schwarz verrußten Ruinen vorbei führen. An dieser Stelle versagten die im Kosovo stationierten KFOR-Truppen im März 2004: Binnen kurzer Zeit brannten damals Albaner das historische Serbenviertel der Stadt nieder. Dass ihr die Lage nicht noch einmal derart außer Kontrolle gerät, dafür sieht sich die Schutztruppe heute jedoch gewappnet.

Deutsche KFOR-Soldaten in Prizren ((c)AFP)
Die Soldaten machten den Menschen sehr deutlich, dass sie “keinerlei Gewalt” tolerieren werden, sagt der stellvertretende KFOR-Kommandeur, Gerhard Stelz. Der deutsche General sitzt im KFOR-Hauptquartier in Pristina und ist zufrieden, wie die erste Runde der serbischen Präsidentschaftswahl gelaufen ist – “unspektakulär, ruhig und ohne irgendwelche Zwischenfälle”. Und dies sei auch vom zweiten Wahlgang zu erwarten. Dass mit dem Ultranationalisten Tomislav Nikolic ein Kandidat die meisten Stimmen gewonnen hat, der die NATO ablehnt und mit Waffengewalt gegen die Unabhängigkeit des Kosovo droht, besorgt Stelz nach eigenen Worten nicht. Die Botschaft der Nulltoleranz gegen jede Ausschreitung werde “verstanden und bisher auch akzeptiert”.

Olaf G., 37 Jahre alt und Vater von zwei Kindern, ist einer der Soldaten, die die seit den Unruhen vor vier Jahren harte Linie der KFOR-Führung unters Volk bringen müssen. Seit vier Monaten ist der aus Schleswig-Holstein kommende Hauptfeldwebel in Prizren stationiert. Bisher habe er keinen Grund zur Sorge um die Stabilität gesehen, sagt der Unteroffizier. Es sei absolut ruhig und friedlich. Das mag auch an den Folgen des März 2004 liegen: Seit damals leben nur noch 30 Serben in der Stadt, vorher waren es 300. Jene Serben, die geblieben sind, lebten schon immer neben Albanern – die aus dem abgebrannten Viertel dagegen trauen sich nicht zurück.

Deutsche KFOR-Soldaten in Kosovo ((c)AFP)
Bei der Patrouille vom Nordteil der Altstadt, entlang am türkischen Bad und  über das Flüsschen Bistrica, vorbei an den Ruinen des Serbenviertels und den auf einer Linie liegenden Bischofssitzen der Katholiken und Orthodoxen sowie der Haupt-Moschee, werden G. und seine Männer wenig wahrgenommen. Vereinzelt grüßen Kinder, eine alte Frau spricht einen Soldaten an. “Das ist hier wie eine Polizeistreife bei uns in Deutschland”, sagt der Hauptfeldwebel. Ist diese Ruhe nicht auch ein Zeichen, dass die Bundeswehr mit ihren 2200 KFOR-Soldaten allmählich im Kosovo überflüssig wird? Wenn es nach den Albanern geht, sicher nicht, sagt Olaf G.: Nach deren Willen “könnten und sollten wir ewig bleiben”.

KFOR-Friedenstruppe im Kosovo ((c)AFP)
Stabilität durch Präsenz – so in etwa funktioniert in diesem je 20 Kilometer von Albanien und Mazedonien entfernt liegenden Teil des Kosovo der deutsche Einsatz. Dagegen hat die KFOR-Mission im an Serbien grenzen Norden deutlich mehr Schärfe. In der dortigen, zwischen Serben und Albanern geteilten Stadt Mitrovica gibt es auf beiden Seiten Extremisten. Am im Frühjahr erwarteten Tag der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo werden dort Gewalttaten befürchtet. Doch in der KFOR heißt es, die damaligen Fehler hätten zu einem Lernprozess geführt. So werde etwa jeder Versuch von Blockaden sofort beendet: “Innerhalb einer halben Stunde wird geräumt, ohne Verhandlungen.”

Während die KFOR-Vertreter die Sicherheitslage zuversichtlich betrachten, werden sie eher kleinlaut, wenn es um die längerfristige Entwicklung des Kosovo geht: Der eigentliche Sprengstoff liege in der fehlenden wirtschaftlichen Perspektive. Die Hälfte der 1,9 Millionen Einwohner gilt als arm. Entsprechend hoch seien die Erwartungen an die Unabhängigkeit. “Die Leute denken, dann geht alles von selbst. Aber das wird es nicht”, heißt es in der KFOR. Wie die Kosovo-Albaner auf die drohenden Enttäuschungen reagieren werden, sei die eigentliche Zukunftsfrage.

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