Mühevolle Arbeit an der Bildung des Kosovo
Pater aus Worms baute das führende Gymnasium im Land auf
 
von  Ralf Isermann

Wer im Kosovo kurz vor Mittag in den Städten unterwegs ist, erlebt ein kurioses Schauspiel: In großen Strömen machen sich in Pristina oder Prizren Schüler auf den Heimweg. In ebenso großen Strömen zieht es aber andere Schüler von zu Hause zur Schule. Mittagszeit bedeutet Schichtwechsel an den kosovarischen Schulen. Weil es an Gebäuden und an Lehrern mangelt, gibt es dort Unterricht in bis zu vier Schichten. Eine Ausnahme gibt es in der früheren serbischen Provinz, die sich nun unabhängig erklärt hat: Das vom deutschen Pater Walter Happel erst 2004 gegründete Loyola-Gymnasium gilt heute bereits als beste Schule des Kosovo.

Pater Walter Happel ((c)AFP)
Für das Auswärtige Amt ist das mit Millionen-Spenden aus Deutschland entstandene Gymnasium ein “Leuchtturmprojekt”. Berlin hat seine zur Deutschausbildung ins Kosovo entsandten Lehrer inzwischen von allen anderen Schulen abgezogen und an die nahe Prizren gelegene Schule geschickt. 500 Schüler bekommen dort eine Schulbildung, die vom Niveau nicht weit von der deutschen entfernt ist. Der zwölfjährige Robert kann sogar keinen Unterschied erkennen: Seine Eltern sind mit ihm im vergangenen Sommer aus Bielefeld, wo Robert auch zum Gymnasium ging, in ihre Heimat Kosovo zurückgegangen. “Das war nicht schwerer als hier.”

Dem aus Worms stammenden, 62 Jahre alten Missionar gehen trotz seiner manchmal bärbeißigen Art solche Komplimente runter wie Öl. Schließlich hat er hier etwas auf die Beine gestellt, was die Mitglieder im Förderverein der Schule schlicht als “Wunder” bezeichnen: Wo heute ein modernes Gebäudeensemble aus Schule, Internat, Bibliothek und Kantine sowie Turnhalle steht befand sich vor fünf Jahren nur ein Maisfeld. Dazu kommen die Widrigkeiten des Kosovo: Das klamme Bildungsministerium zahlt bis heute nicht den versprochenen Anteil an den Lehrergehältern, der laufende Betrieb der Schule funktioniert nur mit mühsam erbettelten Spendengeldern aus Deutschland.

Ein bisschen streng sei er ja, der deutsche Missionar, stöhnen Diana, Drilona, Bardh und Rajamond. Sie leben im Internat der Schule und verbringen den ganzen Tag auf dem eingezäunten Gelände: Nach dem Unterricht und Mittagessen folgt ein bisschen Freizeit, dann die Studium genannte Hausaufgabenbetreuung und AGs. Nach dem Abendessen dürfen sie einmal die Woche einen Film gucken, an anderen Abenden ist Sport oder sind wieder AGs. Das straffe Programm wirkt wie eine Kopie des Ablaufs im über 400 Jahre alten Jesuiten-Kolleg St. Blasien im Schwarzwald, wo Happel zwölf Jahre Direktor war.

Schüler des Loyola-Gymnasiums ((c)AFP)
In perfektem Deutsch schwärmen die vier 17-Jährigen dennoch von ihrer Schule. Kein Wunder: An den staatlichen Schulen ist es üblich, seinen Noten mit Bestechung der unterbezahlten Lehrer auf die Sprünge zu helfen. Entsprechend schlecht ist das Niveau. Im Loyola-Gymnasium dagegen wird nur aufgenommen, wer einen Aufnahmetest besteht, die Lehrer erhalten ein Mehrfaches des üblichen Gehalts. Diana, Drilona, Bardh und Rajamond wollen später mit ihrem Abi zuerst im Ausland studieren und dann in das Kosovo zurück: “Wir sind diejenigen, die das Land in Schwung bringen müssen”, sagt Raymond.

Auf die Loyola-Absolventen hofft auch Rexhep Bajrami. Nach 20 Jahren in Deutschland ist er wieder ins Kosovo zurück gegangen, für die Europäische Initiative Kosovo. Die wurde von sieben Exil-Kosovo-Bürgern um den Schriftsteller Beqe Cufaj in Deutschland gegründet. Eine Zeitschrift haben sie veröffentlicht und in Pristina eine europäische Bibliothek mit 1500 Büchern gegründet. Alles mit dem Ziel, intellektuelle Defizite in ihrem Heimatland zu beheben.

Die Versuche der Mitglieder der Initiative, mit den Abgeordneten des zum Teil als korrupt verschrieenen Kosovo-Parlaments auch über ihre in Deutschland gemachten Erfahrungen mit Bürgerbeteiligung oder dem Kampf gegen Korruption zu reden, wurden bisher mit vertröstenden Worten abgewehrt. Doch wie Happel will auch Bajrami sich nicht unterkriegen lassen. “Wir bauen hier an der Zukunft des Kosovo.”

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