Der Jamie Oliver von Kabul
Deutscher Rückwanderer Arari betreibt Pizzeria in Kabul
 
von  Julia Naumann

Khalil Arari hat einen Traum: Der Deutsche afghanischer Herkunft will in Kabul Kochduelle und Esskurse im Fernsehen veranstalten. “Ich will meinen Landsleuten Tischmanieren beibringen und ihnen zeigen, wie Kinder richtig ernährt werden”, sagt der 47-jährige mit Kölner Akzent. So etwas wie Jamie Oliver, britischer Starkoch mit pädagogischem Touch, will der Rückwanderer irgendwann für Afghanistan werden. Doch vorerst kocht er jeden Abend im “Bella Italia”. Die Pizzeria des Ex-Kölners liegt hinter dicken Mauern im Diplomatenviertel Wasir Akber Chan in der afghanischen Hauptstadt. Arari ist einer der wenigen Afghanen mit deutschem Pass, der mit seiner Familie zurück in seine Heimat gegangen ist.

«Bella Italia» ((c)AFP)
Arari, der 1980 nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Afghanistan als Flüchtling nach Deutschland kam, hat ein Faible für die mediterrane Küche. “Ich liebe die Gewürze”, sagt er. Der gelernte Koch, der jahrelang in einem Promi-Restaurant in Köln arbeitete und selbst zeitweilig drei italienische Restaurants betrieb, besuchte 2006 seine Eltern in Kabul. Dort traf er seine Schulfreunde – viele von ihnen waren selbst lange Zeit im Ausland gewesen und kehrten nach dem Sturz der Taliban 2001 zurück.

“Die haben mich überredet, auch zurückzukommen”, erinnert er sich. “Am Anfang wollte ich überhaupt nicht.” Schließlich führte er mit seiner Frau Mahboba und den drei Kindern ein sorgenfreies Leben. Doch dann freundete sich Arari langsam mit dem Gedanken an, “westliche Esskultur”, wie er sagt, nach Kabul zu importieren.

Ein Mitarbeiter in der Küche ((c)AFP)
Das Restaurant, das er im Februar eröffnete, liegt etwas versteckt in dem Viertel Kabuls, das derzeit als am sichersten gilt. An fast jeder Ecke stehen bewaffnete Polizisten. Auch die Besucher von Araris Lokal müssen sich filzen lassen. “Wir lassen hier nicht jeden rein”, sagt er. Nach dem Passieren einer Sicherheitschleuse sieht es drinnen wie bei einem typischen Italiener aus, befrackte Kellner wuseln herum, in den riesigen Pizzaöfen dampft es.

14 Angestellte hat Arari, alles Mitglieder seiner weitverzweigten Familie, “denn nur denen traue ich”. Jeden einzelnen hat er angelernt und das war nicht immer einfach. “Woher sollten sie wissen, was Artischocken und Prosciutto sind”, sagt er und lächelt. Die Kücheneinrichtung und die meisten Lebensmittel werden aus Dubai eingeflogen. Bisher brummt der Laden und das Ehepaar hat alle Hände voll zu tun. “Ich bin eigentlich ganz zufrieden”, sagt Arari und nimmt einen Schluck Cappuccino.

Seine Kinder, die zwölfjährige Nerges und die achtjährige Zonbol, sowie der elfjährige Obaid hadern nach einem knappen halben Jahr dagegen noch mit ihrer neuen Heimat. Die drei kannten bisher nur Köln und aus dem Urlaub Spanien und Italien. Die afghanische Amtssprache Dari sprechen sie kaum und jetzt ist die Satellitenschüssel der einzige Kontakt nach Deutschland. Zonbol vermisst den Spielplatz. In Kabul wird sie im gesicherten Auto zur Privatschule gebracht, wo auf Englisch unterrichtet wird. Dort mussten sich die Kinder schnell an strengere Unterrichtsmethoden gewöhnen. Die Lehrerin habe einem Schüler neulich mit einem Lineal auf den Kopf gehauen, weil er sich nicht ruhig verhielt, erzählt Obaid empört. Sein Vater beschwerte sich prompt.

Ein Mann schaut durch ein Fenster des Restaurants ((c)AFP)
Die Schulbildung der Kinder wäre für die Eltern, neben einer sich verschlechternden Sicherheitslage und finanziellen Problemen ein Grund, wieder nach Deutschland zurückzukehren, wo sie ihr Haus vermietet und das Restaurant verpachtet haben. “Wir versuchen es ein Jahr. Dann sehen wir weiter”, sagt Arari.

Doch ganz persönlich hofft er, dass seine Familie in Kabul weiter Fuß fasst, auch wenn ihm vieles nach 28 Jahren fremd geworden ist. Dann könnte er auch eines Tages seine Kochshow im Fernsehen verwirklichen, glaubt er. Als Studio würde das “Bella Italia” dienen. “Dann kann ich den Menschen zeigen, wie ein Tisch gedeckt wird”, sagt er und es klingt kein bisschen arrogant. In Afghanistan essen die meisten Menschen immer noch traditionell auf dem Boden.


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