Meeresfrüchte hinter Stacheldraht und Mauern
Sicherheitsregeln für Ausländer in Kabul immer strikter
 
von  Julia Naumann

Der mit einem Maschinengewehr bewaffnete Mann ist strikt: Erst fahndet er mit dem Metalldetektor am Körper nach verbotenen Gegenständen, dann kontrolliert er die Taschen und schließlich muss der Besucher eine Sicherheitsschleuse passieren. Hier geht es aber nicht in einen Hochsicherheitstrakt – der Mann wacht über den Eingang eines Restaurants, “L’Atmosphère”, das angesagteste Lokal für westliche Ausländer in Kabul. Seit der Attacke auf das Luxushotel Serena im Januar und dem Anschlag auf die indische Botschaft im Juli mit 41 Todesopfern sind die Vertreter der internationalen Gemeinschaft in Kabul nervöser geworden. Um nicht ihr Leben zu riskieren, müssen sie sich strengsten Sicherheitsregeln unterwerfen.

Zerstörte indische Botschaft ((c)AFP)
Das von einem Franzosen betriebene “L’Atmosphère” ist besonders am Freitag, dem muslimischen Feiertag, einer der beliebtesten Treffpunkte für die Mitarbeiter der regierungsunabhängigen Organisationen (NGO), der UNO, für die westlichen Regierungsberater und Botschaftsangestellten. Dort lassen sie das staubige und oft gewalttätige Kabul hinter sich. Auf Bastsofas zwischen Blumenbeeten wird kühler Wein serviert, am Pool sonnen sich blasse Europäerinnen, die Gäste hören Lounge-Musik und löffeln Meeresfrüchte-Salat – hinter Mauern und Stacheldraht.

Nach dem Anschlag auf das Serena mit acht Todesopfern standen das Luxushotel und “L’Atmosphère” auf der sogenannten Sperrliste der UNO; Mitarbeiter der Vereinten Nationen durften beide Einrichtungen eine Zeitlang nicht mehr besuchen. Mittlerweile hat sich das Luxushotel in eine Festung mit Betonmauern und dicken Sichtschutzblenden verwandelt. Sein Fitnessclub ist heute längst nicht mehr so überfüllt wie vor dem Anschlag. Und um das “L’Atmosphère” haben die Betreiber die Mauern so hoch gezogen, dass es unmöglich scheint, Granaten auf das Pool-Gelände zu werfen.

Die meisten internationalen Restaurants dürfen Afghanen nicht betreten, an den Türen steht “only foreign passports”. Wollen sich Einheimische und Ausländer treffen, dann gehen sie ins Cabul Coffee House, wo kein Alkohol ausgeschenkt wird, aber ganz traditionell grüner Tee. Doch zunehmend bleiben die Ausländer abends lieber zuhause, aus Angst vor Anschlägen und Entführungen.

Zwar ist im ersten Halbjahr dieses Jahres die Zahl der Entführungen und Anschläge gegenüber dem Vorjahr deutlich zurückgegangen – doch die Angriffe werden immer spektakulärer wie etwa die blutige Taliban-Attacke auf die Militärparade Ende April in Kabul, die auf Präsident Hamid Karsai zielte.

Die Deutsche Botschaft hat darauf reagiert; die fast 60 Angestellten müssen in einigen Wochen aus Sicherheitsgründen in einen eigens gebauten Appartmentkomplex ziehen. Die Botschaft liegt wie viele andere diplomatische Vertretungen im Viertel Wasir Akbar Chan. Die Straßen dort haben nicht ganz so viele Schlaglöcher wie in anderen Stadtteilen, und Schranken und Checkpoints regeln den Verkehrsfluss. Falls sich die Sicherheitslage in Kabul dramatisch verschlechtert, soll das Viertel ähnlich wie die Grüne Zone in der irakischen Hauptstadt Bagdad nur noch mit Passierscheinen betreten werden können.

In der Innenstadt von Kabul dominieren die weißen blitzblanken UN-Jeeps noch immer das Straßenbild. Doch viele NGO-Mitarbeiter sind inzwischen dazu übergegangen, sich möglichst unaufällig zu bewegen. Sie bevorzugen einen staubüberzogenen Toyota Corolla statt einer frischgeputzen Limousine. Die UNO, aber auch das “Afghanistan NGO Safety Office” (ANSO), ein Netzwerk für die Hilfsorganisationen, verschickt regelmäßig entsprechende Sicherheitshinweise.

Für ihr Freizeitvergnügen bleibt den Ausländern in Kabul nicht mehr viel übrig als ihre Restaurant-Enklaven. Noch vor zwei Jahren machten viele es den Afghanen gleich und fuhren an ihren freien Tagen zum Picknick vor die Tore Kabuls. Daran ist heute nicht mehr zu denken.


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