Abzug von der Brücke der Deutschen
Deutsche Kriegsgefangene bauten Übergang nach Abchasien
 
von  Gregor Waschinski

Sugdidi, im Oktober – Davit nimmt fast nie die Brücke über den Fluss Inguri, er schlägt sich lieber über abgeschiedene Bergpfade nach Abchasien durch. Die russischen Grenztruppen am Ende der Brücke würden ihn ohnehin zurückschicken, sagte er und schaut die 870 Meter entlang zum anderen Ufer. Mutlos kehrt er um und verlässt das massive Bauwerk, das die Menschen hier auch die Brücke der Deutschen nennen. Von 1944 bis 1948 errichteten deutsche Kriegsgefangene die Betontrasse, die sich nahe der Stadt Sugdidi über das Inguri-Tal spannt und heute einer der wichtigsten Übergänge zwischen Georgien und der abtrünnigen Provinz Abchasien ist.

Russische Soldaten an der georgisch-abkhasischen Grenze ((c)AFP)
Womit Davit sein Geld verdient, ist nicht ganz klar. Richtige Arbeit gibt es im äußersten Westen Georgiens nur wenig. Die Menschen hier handeln viel, mit Früchten aus dem heimischen Garten, mit Körben, Tonvasen, einige auch mit Waffen oder gestohlenen Autos. Davit handelt mit Informationen, er kennt die Gegend bis in den entlegensten Winkel. Er arbeite viel mit Nichtregierungsorganisationen, sagt der 38-Jährige. Demokratie und Menschenrechte, das sei ihm wichtig. Andererseits lässt sich mit Demokratie kaum Geld verdienen, erst recht nicht an der Grenze zu Abchasien.

Ein georgischer Grenzpolizist sitzt in einer Wellblechhütte und überwacht durch die trübe Fensterscheibe gelangweilt den Schlagbaum. Vor der Hütte stehen weitere Männer, einige tragen Uniform, andere zivil. Vielleicht Leute vom Geheimdienst, vielleicht nur örtliche Wichtigtuer, auch Davit weiß das nicht genau. Die georgische Grenze ist recht einfach zu passieren. Auf der abchasischen Seite der Inguri-Brücke kontrollieren russische Soldaten dagegen streng, wer in die abtrünnige Provinz einreisen will.

Vor einigen Tagen versperrte noch eine weitere Barriere den Weg, russische «Friedenstruppen» hatten sie auf georgischem Boden errichtet. Vom Geschützturm wies ein Maschinengewehr bedrohlich Richtung Sugdidi. Wie andere Stellungen im georgischen Kernland räumten die Russen diese noch vor Ablauf der Frist am 10. Oktober.

Kurz vor der Brücke führt auf georgischen Seite ein staubiger Weg einen Hügel hinunter, am Ende steht ein großes schwarzes Holzkreuz. Eine Marmortafel daneben gedenkt der Kriegsgefangenen, die beim Bau der Brücke starben. Ein Dutzend Deutsche sollen umgekommen sein, erzählen die älteren Leute in Sugdidi. Abgestürzt in das Inguri-Tal.

Davits Großmutter ist 93 Jahre alt, sie lebt zusammen mit drei jüngeren Generationen in einem großen Haus im Dorf Ingiri. Vera Getia kann sich noch an das Lager der Kriegsgefangenen erinnern, 400 Meter lagen die Baracken von ihrem Haus entfernt. Jeden Tag marschierten die Deutsche vorbei zur Baustelle, manchmal warf sie den abgemagerten Männern etwas Brot zu.

“Die Deutschen sind in guter Erinnerung geblieben», sagt Tornike Kilanawa. Sie hätten sehr gute Technikkenntnisse gehabt und den Einheimischen geholfen, etwa bei Problemen mit der Elektrizität. Die Brücke sei deshalb noch so gut in Schuss, weil sie mit deutscher Gründlichkeit errichtet worden sei. Kilanawa ist Beamter kurz vor der Pensionierung, sein Posten ist der wahrscheinlich einflussloseste in der Gegend: Er soll von Sugdidi aus die Verwaltung der abchasischen Region Gali leiten, in der viele Georgier leben.

Nach der Gewalt im August liegt die Brücke der Deutschen noch immer wie ausgestorben zwischen grünen Hügeln. Der Inguri führt kaum Wasser, ein mächtiger Staudamm einige Kilometer flussaufwärts hält es zurück. Frauen in schwarzen Witwenkleidern gehen am Straßenrand, ab und zu überholt sie ein Kleintransporter mit abchasischem Nummernschild.  Davit sagt, dass vor allem Alte über die Brücke kommen, um ihre Kinder und Enkelkinder zu besuchen, die in den 90er Jahren aus Abchasien geflohen sind. Den zerissenen Familien hilft der Abzug der Russen von georgischem Boden kaum. Denn das abchasische Ende der Inguri-Brücke bleibt nur von einer Seite durchlässig.


Tags:
Diesen Beitrag teilen Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Digg
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Webnews
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Technorati
  • YahooMyWeb
  • email
  • MySpace
  • TwitThis