EU-Beobachter in Georgien
"Hauptsache, die Europäer sind da"
 
von  Gregor Waschinski

Sugdidi, im Oktober – Nukri Odischaria denkt gerne an seine Zeit in Deutschland zurück. Der Enddreißiger aus dem westgeorgischen Sugdidi war als Soldat der Roten Armee einige Jahre in Brandenburg stationiert. Nach der Wende verkaufte er mit Kameraden heimlich einen Teil der Benzinvorräte seiner Truppe. «Eine Mark der Liter», erzählt er stolz. Heute verdient Nukri sein Geld mit einem Taxidienst. Dass seit einigen Tagen auch deutsche EU-Beobachter in seiner Heimatstadt sind, freut ihn. «Damals sind wir aus Deutschland abgezogen, heute helfen uns die Deutschen, dass die Russen bei uns abziehen.»

Französische und Georgische Polizisten ((c)AFP)
Von den 70 EU-Beobachtern am Standort Sugdidi kommen 25 aus der Bundesrepublik. Für die meisten Menschen in der 70.000-Einwohner-Stadt macht es aber kaum einen Unterschied, ob Deutsche, Litauer oder Italiener die russischen Kontrollpunkte um die Stadt abfahren. «Hauptsache, die Europäer sind da», sagt die 24-jährige Tamuna. Sie arbeitet in einer Bank, in der Mittagspause hat sie sich mit Freunden in einer Pizzeria getroffen. «Die EU ist eine Macht», sagt sie in gebrochenem Englisch. «Ich hoffe, dass wir bald beitreten können.» Die anderen jungen Leute am Tisch nicken.

Die Bevölkerung in Sugdidi setzt große Hoffnungen in die EU-Mission. Wenn die gepanzerten Jeeps mit den EU-Flaggen über die Landstraßen in der Gegend fahren, winken ihnen die Menschen am Straßenrand zu. Dabei können die unbewaffneten Beobachter zunächst auch nichts anderes machen, als Informationen zu sammeln, Fragen zu stellen und Berichte zu schreiben.

“Die Vorgabe ist, dass die russischen Truppen am 10. Oktober abgezogen sein müssen», sagt Wolfgang Schäfer, Leiter des deutschen Kontingents in Sugdidi. Wann der Abzug abgeschlossen sei, darauf hätten die Beobachter selbst nur begrenzt Einfluss. «Da ist die Politik gefordert», sagt Schäfer. Das sichtbarste Zeichen der Politik sind für die georgische Bevölkerung an der Grenze zum abtrünnigen Abchasien derzeit aber die europäischen Beobachter mit ihren blauen Baretten und Armbinden.

Potsko ist eine kleine Siedlung einige Kilometer oberhalb von Sugdidi, an den Hängen des Kaukasus. Hier leben fast ausschließlich georgische Flüchtlinge, die Mitte der 90er Jahre aus Abchasien vertrieben wurden. Die heruntergekommenen Wohnblöcke reihen sich an einer einzigen Straße auf. Am einen Ende hat die russische Armee einen Kontrollpunkt aufgebaut, am anderen Ende bewachen georgische Polizisten den Staudamm am Inguri-Fluss, dessen Wasserkraftwerk die wichtigste Energiequelle der Region ist.

Witali Awetisian verbringt viel Zeit am georgischen Wachposten, Arbeit hat er nicht. Er schaut zusammen mit den Polizisten Musiksendungen auf einem flimmernden Schwarz-Weiß-Fernseher oder schimpft auf die Russen am anderen Ende der Straße. Besatzer seien das, und mit ihrer wilden Fahrweise würden sie die Kinder in der Siedlung gefährden. Einmal am Tag sehe er die Europäer in ihren Autos in Richtung russischer Kontrollpunkt vorbeifahren, sagt der 28-Jährige. Dann bläst er seinen alkoholhaltigen Atem in die milde Abendluft und poltert: «Sie werden uns helfen, dass die Russen endlich abhauen.»

Wenn Gotscha Chuitia über die EU spricht, hört es sich an, als würde er aus einer Werbebroschüre für die Staatengemeinschaft zitieren. Europa sei ein Symbol für Demokratie, Menschenrechte, sagt er. Für Frieden und wirtschaftlichen Fortschritt. Auch der 34-Jährige ist arbeitslos. Das Lokal, in dem Gotscha seinen Kaffee trinkt, hat neben der georgischen Flagge auch eine EU-Fahne herausgehängt. Die Marke Europa hat anders als in den integrationsmüden Mitgliedstaaten in Sugdidi noch nicht an Glanz verloren.

“Die Menschen hier glauben an den Frieden, weil die Europäer da sind», sagt Gotscha. Er ist fest davon überzeugt, dass die Mission ein Erfolg wird. «Aber wenn die Beobachter eine schlechte Arbeit machen, dann könnten viele Menschen hier das Vertrauen in die EU verlieren.»


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