Warten auf den Abzug
Deutsche EU-Beobachter auf schwieriger Mission in Georgien
 
von  Gregor Waschinski

Sugdidi, im Oktober – Mit verschränkten Armen steht der junge russische Offizier vor seinem Kontrollpunkt im westgeorgischen Ganmuchuri und betrachtet lässig die EU-Beobachter, die sich vor ihm im Halbkreis aufbauen. Ein weißhaariger Herr mit Jackett, eine Frau mit Sonnenbrille, Männer in Polizeiuniform. Sie tragen Armbinden mit dem europäischen Sternenkreis, die meisten auch blaue Barette. Die Europäer stellen Fragen, die Antwort auf die wichtigste davon kennen sie bereits auswendig: Ja, die Einheit solle bis zum 10. Oktober abziehen. Nein, keine Einzelheiten. Hinter den Tarnnetzen schieben die Soldaten weiter gemächlich Dienst, als könnten sie noch Wochen bleiben.

Russischer und Georgischer Offizier bei einer Besprechung mit Französischem Kollegen ((c)AFP)
Manfred Meyer leitet zusammen mit einem tschechischen Beobachter die Streifenfahrt nach Ganmuchuri. Meyer ist pensionierter Bundeswehroffizier, Fallschirmjäger. Nun steht er vor dem jungen Russen und ist bewaffnet mit Karte und Stift. Dass die russischen Soldaten nicht mehr als die Standardaussagen liefern dürfen, weiß Meyer auch. Ihm geht es vor allem darum, Vertrauen aufzubauen. Einige ergebnislose Fragen später steigen die Europäer in ihre gepanzerten Jeeps und rauschen davon.

Von den mehr 200 als EU-Beobachtern, die seit Anfang des Monats in Georgien sind, kommen 25 aus Deutschland. Sie überwachen die Gegend um Sugdidi im Westen, direkt an der Grenze zum abtrünnigen Abchasien. Offiziell überprüfen sie, ob beide Seiten die Waffenstillstands-Zusagen einhalten. Tatsächlich interessiert das Beobachter-Hauptquartier in Tiflis vor allem, ob die russische Armee ihre Stellungen im georgischen Kernland abbaut.

Wolfgang Schäfer leitet das deutsche Kontingent, das sich in Sugdidi mit Italienern, Tschechen und Litauern im Hinterhof des minzgrünen Hotels Samegrelo eingerichtet hat. «Wir wollen den menschlichen Kontakt, das Gespräch suchen», sagt Schäfer. Er sitzt in einer Garage neben dem EU-Büro, in der zwei ältere Damen ein Café aufgemacht haben. Viel Zeit hat der Bundespolizist nicht, in wenigen Minuten soll ein russischer General eintreffen. «Wir haben uns in den ersten Tagen überall vorgestellt», sagt Schäfer. «Und überall wurden wir freundlich aufgenommen.»

Die Beobachter nennen ihr Büro Field Office, auf den Schreibtischen liegen Papierstapel, an den Wänden hängen Karten mit Pfeilen und Stecknadeln. Dafür, dass der Einsatz kurzfristig organisiert werden musste, habe alles gut geklappt, findet Schäfer. Ein Jahr sollen die Deutschen zunächst mit ihren Kollegen aus den anderen europäischen Ländern im Hinterhof des Samegrelo-Hotels bleiben. Was sie von dort in dieser Zeit alles leisten müssen, hängt von den weiteren internationalen Verhandlungen ab. Die erste Etappe ist der russische Abzug. «Wir warten gespannt auf den 10. Oktober», sagt Schäfer.

Die EU-Jeeps wirbeln den Staub der Schotterpiste auf, die zur Küste des Schwarzen Meeres im Süden von Sugdidi führt. Am Ende der Straße steht eine Ferienanlage für Kinder, die abchasische Milizionäre abgebrannt haben sollen – zumindest haben das die Menschen in Sugdidi den Beobachtern erzählt.

Der weite Strand ist menschenleer, Beachvolleyballmasten stecken schief im Sand, die verkohlten Holzpavillons sind halb eingefallen. Manfred Meyer und sein Team notieren, bewerten wollen sie noch nichts. Von den Russen erhalten die Beobachter keine Informationen, auf die oft einseitigen Angaben der Georgier können sie sich kaum verlassen.

Einige hundert Meter weiter haben georgische Polizisten aus Sandsäcken und einer blauen Plane eine Stellung errichtet. Im Vergleich zur russischen Armee sieht es hier aus, als hätten Kinder eine Höhle gebaut. Da hinten seien 200 russischen Soldaten, sagen die Georgier und deuten auf eine Baumgruppe an der abchasischen Grenze. Zwei tschechische Beobachter machen sich auf den Weg, nach eine Viertelstunde kehren sie zurück. Russen haben sie nicht gesehen.


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