Seirans Satellitenverbindung
 
von  Gregor Waschinski

Die Kontaktaufnahme mit der Redaktion zu Hause in Deutschland ist auch an der Grenze zu Abchasien kein größeres Problem. Das Handynetz in der Kleinstadt Sugdidi funktioniert ordentlich, das Satellitentelefon hat ohnehin guten Empfang. Und sollten tatsächlich einmal alle Verbindungen fehlschlagen, dann gibt es immer noch Seiran und seine ungewöhnliche Funkanlage.

Seiran wohnt in einem tristen Plattenbau am Rande von Sugdidi, mein Dolmetscher Dato hat mich zu ihm gebracht. Eigentlich wollte ich ins Internetcafé, doch Dato meinte, er kenne da jemanden, der mache auch Internet. Ein guter Freund, ich müsse auch nichts bezahlen.

Wir gehen also durch eine düstere Einfahrt, um zu Seirans Wohnung zu gelangen. Der Hinterhof ist gepflastert mit aufgebrochenen Betonplatten, durch die Löcher wuchert Unkraut. Dato stößt die Eingangstür zum Treppenhaus auf. Im zweiten Stock bleiben wir vor einer dicken Holztür stehen, und Dato ruft etwas auf Georgisch. Ein übermüdeter Mittvierziger öffnet, aus seinem Mundwinkel hängt eine Zigarette. Dato spricht einige Worte mit ihm, dann sagt er zu mir: „This is Seiran. Let’s go in.“

Seirans Wohnung besteht im Großen und Ganzen aus einer Küche, in der sich das schmutzige Geschirr stapelt, zwei Zimmern, in denen sich Computerteile stapeln, und einem Balkon, auf den ich gleich noch zu sprechen komme. Zwei jüngere Männer sitzen vor raumgreifenden Computerbildschirmen und schießen in einem Ballerspiel auf alles, was sich bewegt. Sie blicken kurz hoch, als wir in das Zimmer kommen.

„You can sit here, check your emails“, sagt Dato. Ich setze mich vor einen der ausladenden Bildschirme, auf dem vor zehn Jahren wahrscheinlich irgendein Angestellter irgendeines internationalen Unternehmens Excel-Tabellen gefüttert hat, und starte den PC. Der Computer-Tower, dem die komplette Seitenverkleidung fehlt, rattert und blinkt los. Dato und Seiran verschwinden auf dem Balkon.

Trotz der nostalgischen Hardware funktioniert die Verbindung ins Internet einwandfrei. Die Seiten springen in Sekundenschnelle auf, ich gebe mein Passwort ein und schreibe einige Emails. Dann will ich zu Dato und Seiran auf den Balkon gehen. Während ich mich durch die Gardinen wühle, die vor der offenen Balkontür hängen, verfange ich mich mit einem Fuß in einem Kabel und stolpere ins Freie.

Dato und Seiran lehnen an der Brüstung und rauchen eine Zigarette, neben ihnen zielen zwei riesige Parabolantennen in den Himmel. Auf dem Balkon hängen weitere Antennen, einige davon sind wohl selbstgebaut. Anders kann ich mir beiden Coladosen nicht erklären, die an den Enden eines Drahtgestells stecken und an das Kabelchaos auf dem Boden angeschlossen sind. „Internet directly from satellite“, sagt Dato. Seiran nickt stolz.

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