Der letzte Vorhang für Josef F.
Tochter Elisabeth kämpfte für Mord-Verurteilung
 
von  Ralf Isermann

Am Ende zeigt er keine Regung. Keine Träne, kein Zusammensinken, kein Laut. Josef F. sitzt einfach nur da und hört zu, wie Richterin Andrea Humer das Urteil verkündet. Lebenslänglich und die Unterbringung in der Psychiatrie, mit diesem Strafmaß musste F. rechnen. “Ich nehme das Urteil an”, sagt er gleich zweimal zur Richterin. Nach menschlichem Ermessen dürfte der 73-Jährige bis ans Lebensende nicht mehr frei kommen, auch wenn Gerichtssprecher Franz Cutka theoretisch eine Freilassung nach 15 Jahren für möglich hält. Das Urteil ist ganz im Sinne seiner Tochter Elisabeth, die über viele Schatten sprang, um es herbeizuführen.

Josef F. mit Polizei
Josef F. mit Polizei ((c)AFP)
Schon am Dienstag war Elisabeth F. an den unzähligen Kamerateams vor dem Landesgericht Sankt Pölten vorbeigehuscht und hatte das Abspielen ihrer eigenen Video-Aussage verfolgt. “In der letzten Stunde hat mein Mandant gemerkt, dass die Elisabeth dort sitzt”, sagt F.s Anwalt Rudolf Mayer. “Da ist er zusammen gebrochen.” Bis dahin uneinsichtig in der entscheidenden Frage, ob der Tod eines neugeborenen Zwillings ein Mord durch Unterlassen war, gestand der Angeklagte auf einmal komplett.

Doch bei Elisabeth löste das Geständnis keinerlei Genugtuung aus. Im Gegenteil: Sie fühlte sich an den 28. August 1984 erinnert, als ihr Vater sie täuschte und unter dem Vorwand, ihm beim Tragen einer Tür zu helfen, in den Keller lockte. Es war der Auftakt ihrer fast 24-jährigen Gefangenschaft. Aus Sorge, dass die Geschworenen sich ebenfalls von ihrem Vater täuschen lassen und womöglich das Geständnis strafmildernd ansehen könnten, ließ sie ihre Rechtsanwältin Eva Plaz am Donnerstag eine Erklärung abgeben. Kein Mensch kenne Josef F. so gut wie Elisabeth, sagte Plaz. “Er verharmlost und hofft, dass ihm geglaubt wird.”

Gerichtssaal
Gerichtssaal ((c)AFP)
Es war das zweite Mal, dass Elisabeth gegen ihren erklärten Willen handelte, nie mehr öffentlich mit ihrer Vergangenheit im Kellerverlies konfrontiert zu werden. Eigentlich, sagte ihre Anwältin, wollte sie schon ihre elfstündige Befragung per Video ablehnen. Sie wusste, dass ihr Vater mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ohne Zeugenaussage in eine psychiatrische Anstalt gekommen wäre. Doch Elisabeth wollte die Sicherheit haben, dass er nie wieder freikommt. Dies sei sie als Mutter dem 1996 nur 66 Stunden nach seiner Geburt an Atemnot gestorbenen Michael schuldig gewesen, ließ sie wissen.

Ob Elisabeth jetzt ihren Frieden findet? Es fehlt nicht an öffentlichen Ratschlägen, wie sie sich verhalten soll. In Interviews raten ihr Psychologen, sich und ihre Kinder aus der selbst gewählten Zurückgezogenheit und Anonymität zu befreien.

Opferanwaltin Plaz
Opferanwaltin Plaz ((c)AFP)
Das Verhalten der acht Jahre ebenfalls in Österreich in einem Keller gefangenen Natascha Kampusch wird in diesen Ratschlägen gelobt. Kampusch war an die Öffentlichkeit gegangen. Aber lassen sich beide Fälle vergleichen?

Für die Justiz in Österreich scheint der in vier Tagen durchgezogene Jahrhundertprozess das Ende des Falls F. zu sein. Damit dürfte nie aufgeklärt werden, ob Josef F.s Ehefrau Rosemarie 24 Jahre lang wirklich nicht mitbekam, wie ihr Mann im Keller sieben Kinder zeugte und seine vom Tageslicht abgeschottete Zweitfamilie mit Lebensmitteln versorgte. Auch den Behörden drohen keine Nachfragen mehr, wie F. drei der Kinder ans Tageslicht schaffen und adoptieren konnte, ohne dass jemals kritisch zum Verbleib der Mutter nachgehakt wurde. Der letzte Akt des Dramas, von dem Staatsanwältin Christiane Burkheiser spricht, bleibt also unvollendet.

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