“Ist das nicht ein Traum?!”
Irakische Flüchtlinge freuen sich über Neustart in Deutschland
 
von  Yvonne Brandenberg

So wie Anita Jnonan jetzt gekleidet ist – kurzer Jeansrock mit schwarzer Strumpfhose und Schnürschuhen -, hätte sie sich im Irak aus Angst vor Extremisten nie auf die Straße getraut. Aber hier fühlt sich die 23-Jährige Christin sicher. Nach gut vier Jahren als Flüchtling in Syrien beginnt sie gerade mit Mutter und Schwester ein neues Leben in Deutschland. Sie gehören zu den ersten rund 120 von insgesamt 2500 irakischen Flüchtlingen, die jetzt nach und nach nach Deutschland kommen. Untergebracht sind sie vorerst im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen. Die Stimmung hier ist sichtbar gut, obwohl die Iraker in ihrer Heimat Gewalt und Verfolgung erlebt haben.

Die 23-jährige Anita Jnonan mit ihrer Mutter Zeta Sarkis (Mitte) und ihrer 20-jährigen Schwester Lucine Jnonan
Die 23-jährige Anita Jnonan mit ihrer Mutter Zeta Sarkis (Mitte) und ihrer 20-jährigen Schwester Lucine Jnonan ((c)AFP)

Als der Flieger nach Deutschland aus Damaskus abhob, war Jnonan «ängstlich und glücklich» zugleich. Sie konnte es kaum glauben, dass sie, ihre 20-jährige Schwester und ihre Mutter wirklich zu den Flüchtlingen gehörten, die die deutschen Behörden im Rahmen ihres Aufnahmeprogramms in Syrien und Jordanien unter den dort lebenden gut zwei Millionen Irakern ausgewählt hatten. Ihr neues Leben hat gut angefangen, erzählt Jnonan. Als sie am Donnerstag in Friedland, einer 1300-Seelen-Ortschaft mit Fachwerkhäusern und grasenden Pferden und Schafen, ankam, hätten Menschen auf der Straße ihr zugewunken.

Rund 30 Familien und eine Hand voll Einzelpersonen leben nun etwa zwei Wochen lang in den hellen eingeschossigen Baracken im Lager Friedland, bis sie in ihren künftigen Wohnort ziehen. Von den 118 Flüchtlingen hier sind 96 Christen verschiedener Konfessionen, 19 Flüchtlinge gehören der kleinen Religionsgruppe der Mandäer an. Nur drei Flüchtlinge sind Muslime. Heinrich Hörnschemeyer, der Leiter des Lagers, freut sich, dass die Iraker hier «alle ein freundliches Lächeln im Gesicht» haben und der Umgang mit ihnen problemlos und angenehm ist. Bei einigen sei aus einem zaghaften «hello» sogar schon ein «Guten Tag!» geworden.

Das niedersächsische Grenzdurchgangslager Friedland
Das niedersächsische Grenzdurchgangslager Friedland ((c)AFP)

Um sich auch mit Einheimischen unterhalten zu können, will Jnonan möglichst schnell Deutsch lernen. In Syrien hat sie sich schon Lehrbücher besorgt, bisher beschränken sich ihre Deutschkenntnisse aber auf «Ich liebe Dich». Später will Jnonan wieder in ihrem Job als Kosmetikerin arbeiten. Maniküre ist ihre Leidenschaft, wie man an ihren blau-weiß lackierten Fingernägeln sieht. In Syrien sei die Zukunft ja immer ungewiss gewesen, sagt sie. Aber hier möchte Jnonan sich etwas aufbauen.

In ihrer Geburtsstadt Bagdad war die Unsicherheit noch größer gewesen. Nur für den wöchentlichen Einkauf trauten sie und ihre Schwester sich für ein paar Stunden auf die Straße. Jnonans Vater ist seit dem US-Einmarsch im Irak vor sechs Jahren vermisst, ihre Mutter musste das Geld für die Familie als Sekretärin verdienen. Doch eines Tages kamen vermummte Männer zu ihrer Mutter ins Büro und bedrohten sie. «Bleib zu Hause oder wir töten Dich», sagten sie zu der armenischen Christin und schlugen ihr mit einer Waffe ins Gesicht. Eine Narbe zwischen ihren Augen erinnert noch heute daran. Kurz nach dem Angriff floh Jnonans Familie nach Syrien.

Auch die Familie von Habib Oraha Bakos trieb die Gewalt im Irak in die Flucht. «Dieses ständige in Angst Leben haben wir nicht mehr ausgehalten», erzählt der 79-jährige chaldäische Christ. Seine Frau habe in der chaldäischen Gemeinde gearbeitet, bis Unbekannte sie deswegen mit dem Tod bedrohten. Außerdem seien zwei Pfarrer aus ihrer Gemeinde entführt worden und auch von Morden an Christen sei zu hören gewesen, sagt Bakos. Für ihn waren das genügend Gründe, um im Sommer 2007 seine Arbeit und sein eigenes Haus zurückzulassen und mit Frau und Tochter nach Syrien zu fliehen.

In Deutschland will Bakos nun seinen Lebensabend verbringen. Wenn er von dem Moment vor zwei Monaten erzählt, als er das O.k. für die Einreise bekam, leuchten seine Augen hinter seinen dicken Brillengläsern. Schließlich wohnen schon ein Sohn und eine Tochter von ihm in Ludwigshafen. Die hat er mit seiner Frau und seiner anderen Tochter am Wochenende besucht. «Ist das nicht ein Traum?!», hat seine Frau da zu ihm gesagt.

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