Reifeprüfung für eine Staatsanwältin
Inzest-Prozess ist Christiane Burkheisers erster großer Fall
 
von  Ralf Isermann

Mit federndem Schritt und einem Lächeln geht Staatsanwältin Christiane Burkheiser ins Gericht. Modisch im roten Mantel gekleidet, zeigt sie sich bei der Verhandlung gegen Josef F. so selbstbewusst, als habe sie schon dutzende spektakuläre Fälle vertreten. Zum Prozessauftakt gegen den Inzest-Vater vom Amstetten beeindruckt sie mit einem Anklagevortrag, den österreichische Zeitungen am Tag danach “filmreif” nennen. Erst 33 Jahre alt, ist die Juristin durch den weltweit beachteten Prozess zur öffentlichen Person geworden. Das heißt auch, sie steht beachtlich unter Druck.

Staatsanwältin Christiane Burkheiser
Staatsanwältin Christiane Burkheiser ((c)AFP)
An den im April vergangenen Jahres aufgeflogenen Inzest-Fall F. kam Burkheiser durch den Zufall des Dienstplans. “Ich hatte an jenem 19. April Journaldienst. Um 12.21 Uhr hat mein Handy geläutet und die Polizeiinspektion setzte mich in Kenntnis, dass eine junge Frau im Stiegenhaus des Beschuldigten, ich sage es jetzt so, deponiert worden sei, als Sterbenskranke”, schilderte sie in einem Interview den Zeitpunkt, als sie zum ersten Mal mit dem Unfassbaren konfrontiert wurde. Dass sich im Keller von F. ein seit 24 Jahren andauerndes Drama abgespielt haben könnte, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand.

Burkheiser brauchte selbst auch einen Moment, bis sich ihre Skepsis durchsetzte. Richtig stutzig sei sie erst geworden, als klarer wurde, dass die im Treppenhaus gefundene 19-jährige Kerstin F. offiziell gar nicht existierte. Eine Woche dauerte es noch, bis die von Josef F. im Keller gefangen gehaltene Tochter Elisabeth und mit ihr noch zwei weitere Kinder aus dem fensterlosen Verlies geholt werden konnten. Sie sei fassungslos durch diese Wendung des Falls gewesen, sagt Burkheiser.

R ichterin Humer
R ichterin Humer ((c)AFP)
Das Gericht ließ trotz ihrer geringen Erfahrung den Fall bei Burkheiser. Diese war zu dem Zeitpunkt erst zehn Monate Staatsanwältin in Sankt Pölten. Vorher hatte sie sich juristisch breit aufgestellt: Sie hat die Anwaltsprüfung, die Richterprüfung und die Staatsanwaltsprüfung abgelegt. Außerdem arbeitete sie als Mediatorin, also Streitschlichterin. Als besondere Qualifikation gibt sie das Beherrschen der Gebärdensprache für Gehörlose an.

Doch in den vergangenen elf Monaten musste sie sich ausschließlich auf Josef F. konzentrieren. Ihr neben dem Gefängnis von F. im Justizgebäude liegendes Büro war zuletzt ihr Hauptaufenthaltsort. Burkheiser musste an der Anklageschrift arbeiten und stand vor dem Problem, dass die offensichtlichen Straftaten von F. wie Vergewaltigung und Nötigung nicht für eine lebenslange Verurteilung ausreichen. Da zwei Tage nach einer Zwillingsgeburt einer der Jungen ohne ärztliche Versorgung starb, klagte sie F. auch wegen Mord durch Unterlassen an. Weil er seine Tochter in totale Abhängigkeit versetzte, außerdem wegen Sklaverei.

Für Mord könnte F. zu lebenslang verurteilt werden, wegen Sklaverei zu 20 Jahren Haft. Burkheiser will außerdem beantragen, dass der Angeklagte in die Psychiatrie kommt. Dass F. nie mehr in die Freiheit kommt, verlangt die Öffentlichkeit in Österreich von der Anklägerin. Beim Prozessbeginn setzte sie auf einen mit viel Dramaturgie gespickten Vortrag, um die Geschworenen von einer möglichst harten Verurteilung von F. zu überzeugen.

Angeklakter Josef F.
Angeklakter Josef F. ((c)AFP)
Mit Klebestreifen hatte Burkheiser vor Verhandlungsbeginn den Sitzungssaal präpariert. Damit wollte sie zeigen, wie niedrig das nur 1,74 Meter hohe Kellerverlies war. “Sie hätten nicht im Verlies stehen können”, sagte F. zu einem Geschworenen. Allen Geschworenen reichte sie eine Schachtel mit Utensilien aus dem Keller durch – dies sollte einen Eindruck vom kaum erträglichen Geruch geben, der dort herrschte.

“Mit jedem Satz trifft die Anklägerin ins Herz der Geschworenen”, schrieb die Zeitung “Österreich” über den Vortrag der Staatsanwältin. Das große öffentliche Interesse ist Burkheiser dabei aber zuletzt zunehmend unangenehm geworden. Interviews hat sie schon lange nicht mehr gegeben, auch am Dienstag ging sie wortlos ins Gericht.

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