Deutsche Bruderschaft am Balaton
In Ungarn trafen sich vor Mauerfall Deutsche aus Ost und West
 
von  Jan Dörner

Egal ob ein Audi aus Augsburg oder ein Wartburg aus Weimar nach langer Reise auf den Campingplatz im ungarischen Balatonfüred rollte, Béla Tóth empfing am Plattensee jeden mit offenen Armen. “Die Deutschen aus beiden Ländern waren unsere wichtigsten Gäste, weil sie in der größten Anzahl kamen”, erzählt Tóth. Seit Beginn der 1960er Jahre trotzten Urlauber aus Ost und West hier dem Kalten Krieg: Am “Meer der Ungarn” trafen sich vor dem Mauerfall getrennte Geschwister, lernten sich Sommer für Sommer Ossis und Wessis kennen und manchmal auch lieben.

Balatonsee
Balatonsee ((c)AFP)
Ein Hauch von Mittelmeer umweht das Nordufer des Balaton, wie die Ungarn den fast 80 Kilometer langen und bis zu 13 Kilometer breiten See im Westen des Landes nennen. An den sonnenbeschienenen Hängen wächst Wein, es gedeihen Pfirsiche und Mandeln. Blonde Stoppelfelder erstrecken sich bis ans Ufer des blassblauen Sees. Hier ist Tóth zu Hause, seit Jahrzehnten hat er beruflich mit den Campingplätzen der Umgebung zu tun. Er erinnert sich gut daran, wie im liberalen Ostblockstaat Ungarn die deutsche Einheit schon vor 1989 gelebt wurde.

“Die Situation hier war etwas Besonderes, da viele unserer Gäste ansonsten keine Möglichkeit hatten sich zu sehen”, erinnert sich der 52-Jährige. “Zwar war es etwas umständlich, aber hunderte Familien kamen immer wieder.” Auch neue Freundschaften wurden am Balatonstrand geschlossen. “Es gab weder Misstrauen noch Abgrenzung zwischen den Menschen aus Ost und West”, erzählt Tóth. “Denn auf einem Campingplatz haben alle nur eine Badehose an und sind offen für neue Bekanntschaften.”

Das blieb auch der misstrauischen Führung in Ost-Berlin nicht verborgen: Die in Ungarn stationierte Stasi-Einheit wurde in den Sommermonaten sogar verstärkt, um die deutsch-deutsche Verbrüderung am Plattensee zu beäugen. Der Informationsaustausch zwischen DDR-Bürgern und westdeutschen Klassenfeinden missfiel der Stasi besonders. “Wir haben die ausgelesenen Zeitungen und Zeitschriften der Westdeutschen gesammelt und dann an die DDR-Urlauber weitergegeben”, berichtet Tóth.

Besonders aufmerksam wurden die Zeitungen im Sommer 1989 gelesen, als Ungarn die Grenze zu Österreich abbaute und als erstes Ostblockland den Eisernen Vorhang öffnete. Viele DDR-Urlauber am Plattensee wagten die Flucht und ließen Zelte und Wohnwagen auf den Campingplätzen zurück. Andere harrten bis zur Grenzöffnung am 11. September aus und wurden etwa im Pionierlager Zánka untergebracht, wenige Kilometer von Balatonfüred entfernt. In der Jugendferienanlage ist seitdem die Zeit stehen geblieben. “Die Gebäude wurden rosa angestrichen, ansonsten ist nichts verändert”, erzählt Mitarbeiterin Csilla Nagyné Bati. Sogar die braunen Wolldecken auf den schmalen Betten seien noch von damals.

Ansonsten hat sich rund um den See viel getan: Im beschaulichen Balatonfüred wurden ein Park und eine Strandpromenade angelegt, Investoren kauften die alten Gewerkschaftshotels – doch die Deutschen haben das Interesse am Balaton verloren. Nach dem Mauerfall wollten die Ostdeutschen die Welt sehen, reisten nach Spanien oder Italien. Die Verwandten aus dem Westen blieben auch aus. Heute kommt noch ein Drittel oder gar nur ein Fünftel der deutschen Besucher von damals, wie Tóth schätzt.

Ähnlich sieht es am Südufer in Siófok aus, dem “Ballermann vom Balaton”. Hierher kommen Partyurlauber, die tagsüber am Strand von Ministrings gespaltene Pobacken und tätowierte Muskeln präsentieren und sich abends in den Clubs und Diskotheken verausgaben. Attila Verhás wünscht sich die deutschen Urlauber zurück, die in seinem Fisch-Restaurant Geld ausgaben. “Seit drei Jahren will ich mein Restaurant verkaufen, doch keiner zahlt einen guten Preis”, sagt er. “Für uns im Tourismus ist die Deutsche Einheit ein Verlustgeschäft.”

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