Das Herz Haitis ist getroffen
Deutsche Caritas im Katastrophengebiet im Einsatz
von Yvonne Brandenberg
Friedrich Kircher bleibt äußerlich ruhig, als er in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince und den umliegenden Orten die vielen eingestürzten Häuser und hunderte Obdachlose sieht. Doch dem Experten der deutschen Caritas ist klar, was das Erdbeben angerichtet hat: “Mein Eindruck ist, dass das Herz von Haiti getroffen ist.” Kircher ist einer der Experten, die deutsche Hilfsorganisationen in das Katastrophengebiet geschickt haben. Angesichts der schlimmen Notlage der Opfer schiebt er seine Gefühle erst einmal beiseite und setzt lieber auf eine rationale Planung.
Auf der Fahrt durch Port-au-Prince macht sich Kircher ein erstes Bild von den Folgen des Bebens. Sein Fahrer Jean-Baptiste D’johnson fährt mit ihm zuerst noch schnell bei seiner Familie vorbei. Sie lebt derzeit in einem Hof, weil ihr Haus aus der Kolonialzeit bei dem Beben teilweise eingestürzt ist. Schräg gegenüber ist eine Schule in sich zusammengefallen. Vor dem Gebäude liegen die Leichen von zwei Erwachsenen, aufgebläht nach vier Tagen im Freien in der in Haiti herrschenden Hitze von um die 30 Grad.
Die Fahrt geht weiter in Richtung der besonders stark zerstörten Innenstadt von Port-au-Prince. Während links und rechts Trümmer von Häusern auftauchen, die auf eine Seite gekippt oder komplett eingestürzt sind, spricht Kircher über die Organisation von Verteilungsstützpunkten für Hilfsgüter. Die Caritas wollte am Wochenende 10.000 Nahrungsmittel-Pakete verteilen, die für 500 Familien eine Woche lang reichen. “Damit das nicht ins Leere geht, wollen wir auch nach der ersten Nothilfe die Menschen weiter begleiten”, sagt der Helfer, etwa mit Übergangsunterkünften und Kinderbetreuung.
Als Kircher am Dienstagabend von dem Beben in Haiti erfuhr, war ihm klar, “dass da was für mich zu tun ist”. Der 48-Jährige, der sonst für die Caritas in Kolumbien arbeitet, ist der Ansicht, dass die Hilfsaktionen in Haiti nicht allein den UN-Organisationen überlassen werden sollten. Diese würden bislang zu wenig Präsenz zeigen und den Betroffenen keine wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe geben, sagt er. Dabei sei es “das Allerwichtigste, die Menschen in den Wiederaufbau einzubeziehen”.
Zunächst hat aber die direkte Nothilfe Vorrang. Auf der Fahrt tauchen immer wieder improvisierte Flüchtlingslager auf. Die Menschen haben aus Ästen, Decken, Wellblech und Plastikplanen überdachte Schlafstätten gebaut, sanitäre Anlagen gibt es nicht. Am Dienstag soll ein Flugzeug eine Hilfslieferung der Caritas nach Port-au-Prince bringen, mit 30 Großzelten, Hygieneprodukten und Tabletten zur Trinkwasseraufbereitung. Bis dahin will Kircher klären, wie die Lieferungen verteilt werden können.
Für eine Auseinandersetzung mit den erschütternden Eindrücken bleibt ihm da wenig Zeit. “Das trifft mich, das berührt mich, aber ich habe auch einen Punkt, wo ich zumache. Im Rahmen meines Jobs mache ich eben meine Analyse ganz rational”, sagt der Schwabe.
In Petit-Goâve, einem Ort rund 60 Kilometer von Port-au-Prince entfernt, lässt sich der Caritas-Mann die Lage vom örtlichen Priester schildern, der über den Einsturz seiner Kirche und zahlreiche Todesopfer klagt. “Sie müssen hier mit einem kurzen Fragebogen herausbekommen, wie viele Menschen Hilfe brauchen”, sagt Kircher dem Priester. Mitleidsbekundungen können die Erdbebenopfer von ihm nicht erwarten – dafür aber gut organisierte Hilfe.













