Gefährliche Stimmabgabe im Norden Afghanistans
Deutsche Soldaten halten sich bei Parlamentswahl im Hintergrund
 
von  Gregor Waschinski

Die Warnung der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vor den Parlamentswahlen in Afghanistan ist deutlich: Die zunehmende Gewalt drohe den Urnengang so stark einzuschränken, dass dessen Gültigkeit in Frage gestellt werde, heißt es in einem kürzlich in Kabul vorgestellten Bericht der Organisation. Auch in einigen Gebieten im Norden Afghanistans, die unter der Verantwortung der Bundeswehr stehen, ist die Lage angespannt. Die deutschen Soldaten sollen sich bei der Absicherung der Wahlen aber im Hintergrund halten.

Zum zweiten Mal seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor knapp neun Jahren können die Afghanen die Abgeordneten der Wolesi Dschirga bestimmen. Insgesamt bewerben sich rund 2500 Kandidaten um die 249 Sitze im Unterhaus des afghanischen Parlaments – nicht selten ein lebensgefährliches Unterfangen. Seit Beginn des Wahlkampfes Ende Juni wurden im ganzen Land mindestens drei Kandidaten und elf Mitarbeiter getötet und dutzende verschleppt oder verletzt. Die Taliban sprachen vor dem Urnengang eine unverhohlene Drohung aus: “Alle Straßen zu den Wahllokalen werden angegriffen, und Wahlhelfer und Sicherheitskräfte sind unsere Hauptziele”, sagte ein Sprecher der radikalislamischen Rebellen.

Nach Angaben der afghanischen Wahlkommission IEC sollen rund 15 Prozent der mehr als 6800 Wahllokale aus Sicherheitsgründen geschlossen bleiben. Auch in Nordafghanistan werden die Menschen in einigen Bezirken ihre Stimme nur abgeben können, wenn sie eine lange Anreise zur nächsten Wahlstation in Kauf nehmen. Der neue Regionalkommandeur Nord der NATO-Truppe ISAF, Generalmajor Hans-Werner Fritz, sagte der “Welt am Sonntag”, die Bundeswehr habe die vergangenes Wochenende zu Ende gegangene Fastenzeit Ramadan dazu genutzt, sich auf den Urnengang vorzubereiten. “Große Sorgen bereitet uns im Moment der Raum südlich von Kundus”, sagte Fritz.

Schwer gesichert liegt das Feldlager der Bundeswehr in der öden Steppe am Rande von Kundus, am Horizont erheben sich die Berge des Hindukusch. Gut 1300 deutsche Soldaten sind dort derzeit stationiert, fast täglich werden sie von den Taliban in Gefechte verwickelt. Mit ihren selbstgebauten Bomben greifen die Aufständischen Fahrzeuge der Bundeswehr an, die auf den staubigen Landstraßen unterwegs sind. Überzeugte Taliban gebe es in dieser Gegend vielleicht etwa 200, rund zehn Prozent der Rebellen, heißt es aus Bundeswehrkreisen. Der Rest mache bei dem Aufstand mit, weil er dafür Geld bekomme.

“Bei der Wahl werden aber nicht wir im Fokus der Aufständischen stehen, sondern die afghanischen Institutionen”, vermutet ein leitender Offizier des neu aufgestellten Ausbildungs- und Schutzbataillons der Bundeswehr in Kundus, das gemeinsam mit der afghanischen Armee wichtige Bezirke einnehmen soll. Während des Urnengangs sei die Bundeswehr nur dann gefragt, wenn die afghanische Armee ihre Unterstützung anfordert. “Das ist eine afghanische Wahl, die hat ein afghanisches Gesicht”, sagt der Offizier.

Die große Aufgabe, die auf die Bundeswehr wartet, geht ohnehin weit über den Wahltag hinaus. Die neue Afghanistan-Strategie der NATO sieht eine bessere Ausbildung der einheimischen Soldaten und Polizisten sowie eine schrittweise Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen bis 2014 vor. Dem
Ausbildungs- und Schutzbataillon kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, seit Anfang September trainieren deutsche Soldaten die afghanischen Einheiten auch außerhalb der sicheren Lagermauern. “Eigentlich genau die richtige Zeit, um mit Blick auf die Wahlen mit der praktischen Ausbildung draußen anzufangen”, sagt der Offizier.

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