Kaum ein Tag ohne Feindkontakt
Wenig Zeit zum Gedenken an Luftangriff bei Bundeswehr in Kundus
 
von  Gregor Waschinski

Nach einigen Wochen im Bundeswehrlager Kundus ist das Zeitgefühl hinüber, sagen viele Soldaten. Rund um die Uhr sind sie im Dienst, sie fahren raus in die karge Landschaft Nordafghanistans, bleiben vielleicht einige Stunden oder mehrere Tage. Zurück im Lager reinigen sie Waffen, warten die Fahrzeuge. Die Wochentage verschwimmen, an Jahrestage ist erst gar nicht zu denken. Kaum jemanden scheint zu interessieren, dass vor einem Jahr aus diesem Lager der Befehl zum bislang tödlichsten Angriff in der Geschichte der Bundeswehr gegeben wurde.

Deutsche Soldaten bei Zigarettenpause bei einer Patrouille der Bundeswehr nahe der Stadt Kundus. ((c)AFP)
“Es gibt derzeit ganz andere Sachen, um die man sich hier kümmern muss”, sagt ein Fallschirmjäger, der verstaubt von einer Ausbildung mit afghanischen Soldaten zurückkehrt. Kaum ein Tag, an dem nicht ein TIC gemeldet wird, Abkürzung für troops in contact, Feindkontakt. “Im Krieg gibt es Kollateralschäden”, sagt er lakonisch. “Diese gilt es zu vermeiden und sind tragisch, aber sie sind nicht gänzlich auszuschließen.”

Wenige Kilometer entfernt vom Lager der Bundeswehr lebt Abdul Ghafur. “Wir werden diesen Vorfall niemals vergessen”, sagt der 23-Jährige aus dem Dorf Jakub Bai. Als die Taliban zwei entführte Tanklaster in der Nacht zum 4. September 2009 auf einer Sandbank festgefahren hatten, war auch er zu jener Stelle am Fluss Kundus gegangen, an der später zwei US-Kampfflugzeuge auf Befehl des deutschen Oberst Georg Klein Bomben abwarfen.

Abdul verlor seinen 16-jährigen Bruder und wurde selbst schwer verwundet. Insgesamt starben nach NATO-Angaben bis zu 142 Menschen, darunter dutzende Zivilisten. Einige wollten umsonst Treibstoff abzapfen, andere wurden von den Taliban gedrängt, ihnen mit den festsitzenden Fahrzeugen zu helfen.

Deutscher Soldat sichert bei einer Patrouille der Bundeswehr nahe der Stadt Kundus. ((c)AFP)
Die Bundeswehr ließ die Zahl der Opfer von der Afghanischen Unabhängigen Menschenrechtskommission (AIHRC) ermitteln, sie kam schließlich auf 91 Tote und elf Verletzte. An insgesamt 86 betroffene Familien zahlte Deutschland dann im vergangenen Monat 5000 Dollar – unabhängig davon, wie viele Opfer sie jeweils zu beklagen hatten. Eine “humanitäre Hilfsleistung” und keine Entschädigung im rechtlichen Sinne, darauf legte das Verteidigungsministerium Wert.

Abdul Ghafur sagt, seine Familie gebe das Geld für Alltagsdinge aus, außerdem habe sie sich etwas Land gekauft. “Als Verletzter habe ich aber kein eigenes Geld erhalten”, beklagt er sich. “Ich bin noch immer krank und werde behandelt.” Auch der 17-jährige Abdul Latif überlebte den Angriff auf die Tanklaster mit schweren Verletzungen, zwei ältere Brüder kamen ums Leben. “Nur für meinen toten Bruder Chudai Dad haben wir 5000 Dollar bekommen, aber ich und mein anderer toter Bruder haben kein Geld erhalten”, sagt er.  Die Dollar seien bereits ausgegeben, Verwandte hätten Schulden zurückgefordert.

Der Leiter der AIHRC in Kundus, Hajatullah Amiri, fordert, den Betroffenen des Luftangriffs über die Zahlungen hinaus mit Wohltätigkeitsprojekten zu helfen. “Die deutschen Kräfte in Kundus und andere Hilfsorganisationen sollten sie weiter unterstützen”, sagt er. “Auch wenn sie die gestorbenen Familienmitglieder nicht zurückbringen können, können sie zumindest das Leben der Familien ein bisschen zum Besseren wenden.”

Deutsche Soldaten und Schützenpanzer Marder bei Patrouille nahe Kundus ((c)AFP)
Im Feldlager Kundus möchte sich kein Verantwortlicher äußern.
Für die Führung scheint das Thema abgeschlossen: Die Hilfen an die Opfer sind gezahlt, Oberst Klein ist dienst- und strafrechtlich entlastet. In Berlin laufe zwar noch der Untersuchungsausschuss, das aber sei die politische Ebene, heißt es.

Der Stabsfeldwebel Birko H. ist seit zwei Monaten in Kundus.
Er ist in jenem Teil des Lagers untergebracht, den die Soldaten wegen der Unterkünfte aus Sperrholzplatten Holzhausen nennen. Nach der Entführung der Tanklaster habe Gefahr für deutsche Soldaten bestanden, sagt er. “Wenn Gefahr besteht, dann muss man auch was tun.” Der Jahrestag sei “kein Tag, den wir auf dem Schirm haben”, sagt er. “Wir merken uns ja auch nicht jeden Raketeneinschlag im Lager.”

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