Vorzeigeprojekt hinter hohen Mauern
Schwieriger ziviler Aufbau in Nordafghanistan
 
von  Gregor Waschinski

Die Edelsteinschleiferei in Kundus gilt unter Entwicklungshelfern als Vorzeigeprojekt. Von der Schotterstraße mitten in der nordafghanischen Stadt, an der die von der Bundesregierung finanzierte Ausbildungsstätte liegt, ist sie aber allenfalls zu erahnen. Eine hohe Mauer schirmt das Gebäude ab, nur langsam öffnet sich das massive, rote Eisentor. Wachen suchen Schutz hinter einem Haufen blauer Sandsäcke.

Edelsteinschleiferei in Kundus ((c)AFP)
“Auch wir sind von der schlechteren Sicherheitslage betroffen”, sagt Christopher Prior, der als Berater der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) für die Edelsteinschleiferei zuständig ist. Die Taliban hätten die Einrichtung mehrfach bedroht. Aufständische und Kriminelle würden Lieferungen von Gold und Rohedelsteinen auf den Landstraßen abfangen.

In der Werkstatt kreischen die Schleifmaschinen, an den Wänden hängen Tafeln mit Mustern von verarbeiteten Schmucksteinen. Türkis, Jade, Malachit und natürlich Lapislazuli. Der leuchtend blaue Edelstein wird vor allem in der Nachbarprovinz Badachschan gefördert. Der überwiegende Teil der Steine gelangt noch im Rohzustand nach Pakistan, wird dort verarbeitet und zu hohen Preisen auf dem Weltmarkt verkauft. Mit der Schleiferei in Kundus will das Bundesentwicklungsministerium die Grundlage dafür legen, dass auch die Afghanen künftig von der Wertschöpfung profitieren können.

Abdul Rahim leitet die Ausbildung, seine Familie widmet sich bereits in der dritten Generation der Verarbeitung von Edelsteinen.  In weißem Hemd und dunkler Stoffhose läuft er zwischen den Maschinen hin und her. Seine Schüler, die meisten zwischen 18 und Mitte 20, tragen traditionelle lange Gewänder und folgen seinen Anweisungen. Im Mai 2009 öffnete das Zentrum, im ersten Jahr machten 19 junge Afghanen ihren Abschluss.  Dieses Jahr haben bereits zehn Schüler die viereinhalb Monate dauernde Ausbildung abgeschlossen, wie Prior sagt, 13 weitere sollen bald folgen.

Edelsteinschleiferei in Kundus ((c)AFP)
Der GTZ-Berater erzählt, dass sich einige Absolventen bereits selbstständig gemacht und ehemalige Mitschüler eingestellt haben.
“Wir versuchen ihnen zu helfen, ihre Waren zu exportieren”, sagt Prior. Andere mieten sich die Maschinen aus der Schleiferei stundenweise, um sich ein Kleinstunternehmen aufzubauen. Neben der Edelsteinschleiferei betreut die GTZ in Kundus weitere Projekte, etwa eine Tomatenfabrik und einen Schlachthof.

Für die Entwicklungshelfer ist es allerdings zunehmend schwer, neue Vorhaben anzugehen. “Verglichen mit dem, was wir vor zwei Jahren hier gemacht haben, sind wir deutlich stärker eingeschränkt”, sagt ein Mitarbeiter der Bundesregierung, der bereits mehrfach im Norden Afghanistans tätig war.

Auch das Bundesentwicklungsministerium räumt ein, dass sich die Sicherheitslage in einigen Landesteilen deutlich verschlechtert hat. In den meisten Gebieten im Norden, wo der Schwerpunkt des deutschen Engagements liege, könne die Entwicklungszusammenarbeit jedoch ohne größere Einschränkungen fortgesetzt werden. “Die Sicherheitslage wird jeden Tag neu bewertet”, sagt Sprecher Sebastian Lesch. Kundus sei dabei sicherlich der “schwierigste Standort”.

Edelsteinschleiferei in Kundus ((c)AFP)
Die GTZ, die mit ungefähr 220 deutschen und internationalen sowie 1100 nationalen Mitarbeitern in Afghanistan präsent ist, reagiert mit ständigen Schulungen auf die Sicherheitsgefahren. Zu den Sicherheitsvorgaben gehöre etwa, dass niemand alleine über Land fahre, ohne sich vorher über die Lage in dem Gebiet erkundigt zu haben, sagt der Kabuler Büroleiter Andreas Clausing.

In einem Nebenzimmer in der Edelsteinschleiferei sitzen Freschta und Farida. Die beiden jungen Frauen gehören zu den ersten weiblichen Absolventen, bald sollen sie selbst als Ausbilderinnen anfangen. “Das ist gut für unsere Zukunft hier”, sagt Freschta.  Eine Zukunft allerdings, die nicht ohne Risiken ist. Eine Drohung richteten die Taliban gegen das Zentrum ausdrücklich, weil dort auch Frauen ausgebildet werden.

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