Inselstaat auf dem Weg zum Selbstversorger
Island mit erneuerbaren Energiequellen im Überfluss gesegnet
 
von  Ulrike Tschirner

Die Isländer können sich dank ihres Reichtums an erneuerbaren Energiequellen einen gewissen Luxus leisten: In einer sonst kalten Lagune bei Reykjavik sorgt das ganze Jahr über heißes Thermalwasser für fast mediterranen Badespaß. In Gewächshäusern, die mit Energie aus Erdwärme beleuchtet und beheizt werden, wachsen heimische Tomaten. Auf einigen Straßen der Hauptstadt macht ein unterirdisches Heizsystem den Winterdienst überflüssig. Nur der Verkehr und die Fischereiflotte sind auf importierte fossile Brennstoffe angewiesen. Aber auch auf diese will die Vulkaninsel im Nordatlantik auf lange Sicht verzichten. Allerdings hat die Finanzkrise die Ambitionen auf die erneuerbare Selbstversorgung gedämpft.

Die Blaue Lagune unweit von Reykjavik ist Islands bekanntestes Thermalfreibad ((c)AFP)
Seine “einzigartige Lage” ermögliche Island, einen Großteil des Energiebedarfs aus Erdwärme und Wasserkraft zu gewinnen, sagt Almar Sigurdsson vom isländischen Energieversorger Orkuveita Reykjavikur und ergänzt mit Stolz in der Stimme: “Das ist nicht überall in der Welt möglich.” Island liegt zwischen zwei Kontinentalplatte, die jedes Jahr weiter auseinanderdriften. Zwischen dem Südwesten und dem Nordosten des Landes sind mehr als 200 Vulkane zu finden. Einige sind bedeckt von riesigen Gletschern. Unter dem Erdmantel herrschen dagegen hohe Temperaturen, hier und da blubbern heiße Quellen bis an die Oberfläche.

Aufgrund dieser geologischen Besonderheiten ist Island mit natürlichen Energiequellen im Überfluss gesegnet. Erdwärme und Wasserkraft sichern den gesamten Strombedarf und machen gut 80 Prozent am Primärenergieverbrauch aus. In Deutschland zum Beispiel machten die erneuerbare Energien – hierzulande hauptsächlich Windenergie und Wasserkraft – 2009 gut zehn Prozent des Endenergieverbrauchs und 16 Prozent am Bruttostromverbrauch aus.

Der Energiereichtum ist für Island allerdings Segen und Fluch zugleich: Da sich Erdwärme und Wasserkraft schwer exportieren lassen, müssen die von der Finanzkrise gebeutelten Isländer die Energie auf ihrer Insel nutzbar machen. Die stromfressende Aluminium-Industrie ist zudem ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Der wachsende Energiehunger wird aber kritisch von Bürgerbewegungen beobachtet. Sie kämpfen für den Schutz der Natur und gegen ausländische Investoren, die sich zum Beispiel auch in Energieunternehmen einkaufen.

Auf lange Sicht will Island auch das Verkehrswesen und seine Fischereiflotte mit regenerativen Energien betreiben. Ein Zusammenschluss von Firmen hat das Ziel ausgegeben, bis 2050 von fossilen Brennstoffen unabhängig zu werden. Seit fast zehn Jahren testet die Kooperation “Icelandic New Energy” (INE), an der auch der Autobauer Daimler beteiligt ist, dazu alternative Fahrzeugantriebe. Zum Beispiel Brennstoffzellenfahrzeuge: Der für sie nötige Energieträger Wasserstoff lässt sich in Island vergleichsweise günstig aus Strom und Wasser gewinnen.

Das Forschungsprojekt ECTOS für ein ökologisches Nahverkehrssystem, für das bis Ende 2007 testweise wasserstoffbetriebene Busse durch Reykjavik fuhren, wurde dabei von der Europäischen Union mitfinanziert. Die internationale Zusammenarbeit sei entscheidend, um auf lange Sicht von Rohstoffimporten unabhängig zu werden, sagt Valgedur Bjarnadottir von den regierenden Sozialdemokraten. Von den Forschungsprojekten profitierten alle Beteiligten. Dennoch blickt sie mit Sorge in die Zukunft. “Wir haben viel Know-How und brauchbare Energiequellen, aber uns fehlen die Finanzmittel.”

INE-Manager Jon Skulason ist dagegen trotz aller Widrigkeiten optimistisch. “Wir sind auf einem guten Weg in eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe”, sagt er. Derzeit ist die Kooperation dabei, die Brennstoffzellentechnologie auch auf Seetauglichkeit zu testen. Obwohl diese Forschung noch am Anfang steht, hat Skulason sein Ziel vor Augen: “Wenn wir die Umstellung der Fischflotte auf alternative Antriebe geschafft haben, werden wir eine sich selbstversorgende Insel sein.”

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