Mit Humor durch die Krise
Komiker Jon Gnarr regiert isländische Hauptstadt
 
von  Ulrike Tschirner

Jon Gnarr hat mit seiner Spaßpartei den Bürgern von Reykjavik so allerhand versprochen: Ein Disneyland für die isländische Hauptstadt, kostenlose Handtücher für alle Schwimmbäder und ein drogenfreies Parlament bis 2020. Während es sein Kollege Horst Schlämmer in Deutschland aber nur auf die Kinoleinwand geschafft hat, ist der in ganz Island bekannte Komiker Gnarr inzwischen Bürgermeister von Reykjavik. Sein Rezept: Gemeinsam lachen gegen die Finanzkrise.

Ein Komiker im Bürgermeisteramt: Jon Gnarr in Reykjavik ((c)AFP)
Jon Gnarr macht keinen Hehl daraus, dass er von Politik so gut wie keine Ahnung hat. “Ich bin noch etwas grün hinter den Ohren”, gibt der rotblonde 43-Jährige unumwunden zu. 2009 hätte er nicht im Traum daran gedacht, einmal im Rathaus von Reykjavik zu sitzen. Doch im Januar 2010 krempelte Gnarr die Parteienlandschaft gehörig um: Gemeinsam mit ein paar Freunden gründete er ganz unbescheiden die “beste Partei” – eine Spaßpartei, die bei den Kommunalwahlen in Reykjavik Ende Mai aus dem Stand die meisten Stimmen holte.

Warum die Wähler für seine Partei gestimmt haben? “Weil sie mich mögen”, feixt Gnarr. Doch ernst schiebt er hinterher, die Bürger hätten nach dem Bankencrash vor zwei Jahren die Nase voll gehabt von den etablierten Parteien – Gnarr ist also so etwas wie ein Gewinner der Finanzkrise. Anders als die etablierten Parteien habe seine Partei den Wählern von vornherein “versprochen, dass wir all unsere Versprechen brechen werden”, sagt er.

Seit seinem Amtsantritt Mitte Juni setzt der Bürgermeister nun alles daran, die Krisenstimmung in der Hauptstadt zu vertreiben: Er führte einen “Guten-Tag”-Tag ein, an dem sich alle Reykjaviker besonders freundlich grüßen sollten. “Ich versuche etwas zu machen, was außerhalb der Ordnung liegt”, sagt Gnarr, dessen rebellische Teenagerzeit ihm den Spitznamen “Johnny Punk” eingebracht hat. Nach dem vielversprechenden Start mit dem “Guten-Tag”-Tag ist nun auch ein “Guten-Abend”-Abend in Planung.

Von den unpopulären Strompreiserhöhungen und den “sehr komplizierten Finanzthemen” weiß auch der fünffache Vater Gnarr sich gut abzulenken: In einem Blümchenkleid, mit blonder Perücke und knallrot geschminkten Lippen eröffnete der Bürgermeister im August das Homosexuellen-Festival in seiner Stadt. Der Auftritt amüsierte seine Landsleute, verwunderte sie aber nicht: Denn die Isländer kennen ihr heutiges Stadtoberhaupt seit mehr als einem Jahrzehnt als Komiker in Fernsehserien, Filmen und Radioshows.

Dass ihn das politische Geschäft mit seinen zähen Debatten im Stadtrat oder schwierigen Finanzplanungen eines Tages so langweilen könnte, dass er vor Ende seines Mandats das kostenlose Schwimmbad-Handtuch wirft, glaubt der Spaß-Politiker nicht. “Ich bin jemand, der gegen Langeweile rebelliert”, sagt Gnarr, der vor seiner Comedy-Karriere als Pfleger, Autotüren-Schrauber und Taxifahrer sein Geld verdiente. Als Komiker werde er immer wieder sich und sein Publikum unterhalten, verspricht er – die politische Bühne kann ihm dafür während seiner vierjährigen Amtszeit gerade recht sein.

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