In ständiger Gefahr
Vor zehn Jahren beschloss Bundestag erstes deutsches ISAF-Mandat
 
von  Fabian Schlüter

Auf dem schmalen Feldweg, der in das Dorf Mohammad Dad südlich von Kundus führt, warten vier Bundeswehrsoldaten in ihrem Dingo auf den restlichen Konvoi, als sich plötzlich zwei Afghanen dem schwer gepanzerten Fahrzeug nähern. Einer von ihnen blickt starr in die Fahrerkabine, der andere schießt Fotos mit seinem Handy; langsam laufen sie dann an beiden Seiten des Dingos vorbei. Der Bordschütze rutscht auf seinem Sitz hin und her, kurbelt das Maschinengewehr nach rechts. “Schaut ihr, dass die uns nichts dranpappen?”, ruft er nach vorne.

Bundeswehrsoldaten bei einer Patrouille nahe Kundus ((c)AFP)
Seit zehn Jahre ist die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz, um für Sicherheit zu sorgen. Doch noch immer lauert überall Gefahr, könnte jeder Afghane ein Taliban-Kämpfer sein, der unauffällig einen tödlichen Sprengsatz anbringt. Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), der die Bundeswehr-Soldaten am Mittwoch in Afghanistan besuchte, glaubt, dass sich “die Sicherheitslage erstmalig seit vielen Jahren verbessert” habe. “Das muss nicht nachhaltig sein, das ist noch labil”, stellt auch er fest.

Als der Bundestag am 22. Dezember 2001 mit großer Mehrheit die Beteiligung Deutschlands an der internationalen Afghanistan-Truppe ISAF absegnete, ahnte wohl niemand, dass der Bundeswehr der mit Abstand blutigste Auslandseinsatz ihrer Geschichte bevorstand. Wochen zuvor hatten die USA als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September die radikalislamischen Taliban, die den Anführern des Terrornetzwerks El Kaida Unterschlupf gewährt hatten, von der Macht gebombt. Die ISAF sollte den Wiederaufbau des bürgerkriegsgeplagten Landes absichern; Afghanistan solle “die Perspektive auf eine friedliche Zukunft” eröffnet werden, hieß es in dem Bundestagsmandat.
Zehn Jahre später liegt die “friedliche Zukunft” für Afghanistan trotz des Einsatzes von zeitweise 140.000 Soldaten der internationalen Truppen immer noch in weiter Ferne. Blutige Anschläge und Angriffe der wiedererstarkten Aufständischen sind an der Tagesordnung. Der kriegsmüde Westen hat zum geordneten Rückzug geblasen und will bis Ende 2014 seine Kampftruppen abziehen. Nicht wenige befürchten, dass das Land dann wieder in Gewalt und Chaos versinkt.

Auch Deutschland reduziert nun die Zahl seiner Soldaten in Afghanistan, nachdem in den vergangenen zehn Jahren die Mandatsobergrenze von 1200 auf 5350 Bundeswehrsoldaten angewachsen war. Immer tiefer hatte sich Deutschland in den unübersichtlichen Konflikt verstrickt. Angesichts zunehmend heftigerer Gefechte war erregt darüber diskutiert worden, ob man von einem Krieg sprechen könne oder nicht. Die Bundesregierung meidet den Begriff bis heute und spricht von einem “nicht-internationalen bewaffneten Konflikt”.

Hinter dicken Wällen - Das Bundeswehrfeldlager in Kundus ist eine riesige Trutzburg ((c)AFP)

Dass aus dem “Stabilisierungseinsatz” aber für viele Soldaten ein knallharter Kampfeinsatz geworden ist, streitet niemand ab. Seitdem am 14. Januar 2002 die ersten deutschen Feldjäger durch Kabul patrouillierten, starben in dem Land 52 Bundeswehrsoldaten, 34 von ihnen wurden bei Gefechten oder Anschlägen getötet. Und der Anfang September 2009 vom deutschen Oberst Georg Klein angeordnete Luftangriff auf zwei entführte Tanklastwagen mit mehr als 100 Toten, darunter vielen Zivilisten, machte endgültig deutlich, dass die Bundeswehr in Afghanistan nicht nur Schulen baut und Brunnen bohrt.

Im Raum um das Bundeswehrfeldlager Kundus ist es in den vergangenen Wochen relativ ruhig zugegangen. Auch die beiden Afghanen, die vor dem Dorf Mohammad Dad so nahe an dem deutschen Dingo entlanggelaufen waren, hegten augenscheinlich keine Anschlagspläne. Im Feldlager wagt aber niemand vorherzusagen, wie die Lage in drei Jahren aussehen wird. Deutsche Soldaten werden jeden Tag mit Anschlägen und Gefechten rechnen müssen, solange sie am Hindukusch stationiert sind. “Die haben uns vielleicht eine Pause gegönnt”, sagt der Bordschütze des Dingo über die Aufständischen. “Aber das heißt nicht, dass sie nicht jederzeit wieder zuschlagen können.”

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