Mit Kopftuch und Kalaschnikow
Deutschland bildet in Afghanistan auch Polizistinnen aus
 
von  Fabian Schlüter

Rabia und die anderen Polizeischülerinnen ignorieren den Lärm der draußen im Gleichschritt um den Block marschierenden Rekruten. Aufmerksam lauschen sie ihrem Ausbilder, der mit ihnen noch einmal die Dienstgrade der afghanischen Polizei durchgeht. “Abzeichen und so, das ist für die hier sehr wichtig”, flüstert ein deutscher Polizist, der in der letzten Reihe sitzt. Rabia aber bekommt hier nicht nur Theorie vermittelt. Sie will in ihrem gewaltgeplagten Land für Sicherheit sorgen, und dafür muss sie auch Straßensperren errichten und schießen können. Deutsche Beamte sollen die afghanische Polizei genau darin ausbilden – und auch eine Generation engagierter Polizistinnen heranziehen.

"Abzeichen sind hier sehr wichtig" - Afghanische Polizeianwärterinnen lernen in Masari-i-Scharif Dienstgrade auswendig

“Mein Mann war Polizist, er ist im Dienst getötet worden”, sagt Rabia. “Jetzt will ich meinem Land dienen.” Ein Jahr arbeitete sie als Polizistin in der nordafghanischen Provinz Samangan, dann bat sie ihren Vorgesetzten, sie auf das Polizistentraining in Masar-i-Scharif in der Nachbarprovinz Balch zu schicken. Dort, im deutschen Polizeiausbildungszentrum am Fuße des mächtigen Marmal-Gebirges und direkt neben dem Camp Marmal mit seinen mehr als 3000 Soldaten aus Deutschland und anderen Staaten, bekommt Rabia jetzt einen achtwöchigen Crash-Kurs in Sachen Polizeiarbeit.

“Doch, acht Wochen reichen aus”, versichert Stefan Thiele, der Leiter des deutschen Polizeiprogramms in Masar-i-Scharif. “Wir wollen ja keine Kriminalbeamten ausbilden, sondern mehr so etwas wie eine Wachpolizei, die Gebäude sichert, Straßenkontrollen durchführt und Verdächtige festnimmt.” Da sei es auch nicht weiter schlimm, dass 70 bis 80 Prozent der Kursteilnehmer Analphabeten seien – an einem Checkpoint befinde sich für die Ausweiskontrolle immer ein Polizeiunteroffizier, und der müsse lesen und schreiben können. Auch Unteroffizierskurse organisieren die deutschen Beamten hier.

Der Ausbau der afghanischen Sicherheitskräfte läuft unter Hochdruck. Bis Ende 2014 will die internationale Gemeinschaft den Großteil ihrer Truppen aus Afghanistan abziehen, dann sollen afghanische Armee und Polizei allein für Sicherheit sorgen können. Viele Experten zweifeln, dass dies gelingen wird – in einem Wettlauf mit der Zeit setzt der Westen aber unverdrossen auf die Ausbildung von Soldaten und Polizisten.

Glänzender Polizeijeep - Der Westen lässt sich Ausbildung und Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte Milliarden kosten
In Masar-i-Scharif werden im Jahr rund 2500 afghanische Polizisten ausgebildet, werden die deutschen Ausbildungsstandorte in Kabul, Kundus und Faisabad hinzugezählt, sind es jährlich mehr als 5000. Polizistinnen machen nur einen winzigen Teil aus, doch derzeit läuft erstmals ein reiner Frauenkurs mit 27 Teilnehmerinnen. “Die Frauen haben hier genau das gleiche Programm wie die Männer”, sagt eine Polizeiausbilderin aus Nordrhein-Westfalen. “Und sie machen sehr gut mit, auch bei typisch ‘männlichen Fächern’ wie Schießen und Selbstverteidigung.”

Probleme gibt es eher an anderer Stelle: So ist die gesamte Ausrüstung für Männer ausgelegt, die Stiefel sind zu groß, und weil die Kopftücher der Frauen nicht einheitlich waren und beim Schießen behinderten, musste ein Schneider erst einmal einen Satz Uniform-Kopfbedeckungen fertigen.

Unklar ist aber vor allem, ob die Polizistinnen in einem Land, in dem die Rechte von Frauen nach wie vor häufig missachtet werden, überhaupt akzeptiert werden. Das Thema lässt auch der Polizistin aus Nordrhein-Westfalen Sorgenfalten auf die Stirn treten, vor allem in ländlichen Gebieten sei “Skepsis” angebracht. Rabia aber zeigt sich optimistisch: “Ich habe sehr viel gelernt hier. Früher hatte ich schon Angst von dem Knall eines Gewehres, jetzt kann ich mit der Waffe umgehen und gegen Aufständische kämpfen.”

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