Skepsis bei der Adventsfeier in Kundus
Bundeswehrsoldaten fürchten bei vorschnellem Abzug um Erfolge
 
von  Fabian Schlüter

Auf der Adventsfeier der Bundeswehr in Kundus werden Fragen zur anstehenden Truppenreduzierung eher knapp beantwortet. “Die in Berlin machen sowieso, was sie wollen”, sagt ein Oberfeldwebel, der zum Feldanzug eine Weihnachtsmütze trägt und in der Hand einen Plastikbecher mit Glühwein hält. “Und wir machen hier irgendwie unseren Job weiter.” Schon vor zehn Jahren, als sich Kabinett und Bundestag erstmals mit der deutschen Beteiligung an der internationalen Afghanistan-Truppe ISAF befassten, fielen die Beratungen in die Vorweihnachtszeit. In diesen Tagen wird über eine weitere Mandatsverlängerung beraten – festgeschrieben werden soll aber auch eine Reduzierung der Truppen. In Kundus sehen das nicht wenige mit Skepsis.

Ein Stückchen Deutschland - Das Bundeswehrfeldlager in Kundus
Oberleutnant Floris D. ist seit sechs Monaten in Kundus, in seinen Augen war das eine Zeit des Erfolgs. “Wir haben hier richtig viel geschafft”, sagt der 30-jährige stellvertretende Kompanie-Führer. Noch vor einem halben Jahr hätten Bundeswehrsoldaten im Bezirk Schahar Darah westlich der Stadt Kundus kaum ihren Außenposten verlassen können, ohne von Aufständischen beschossen zu werden. “Wir haben dann massiv Präsenz gezeigt und sind in großer Stärke da hingefahren, wo sich lange Zeit niemand reingetraut hat. Jetzt schießt keiner mehr auf uns.”

Für Floris D. und für viele andere in Kundus hat der Bundeswehreinsatz erst vor rund eineinhalb Jahren wirklich begonnen, nicht schon vor zehn Jahren. Vom Sommer 2010 an stellte die Bundeswehr zwei rund 600 Mann starke Ausbildungs- und Schutzbataillone auf. Ihre Soldaten dringen gemeinsam mit den afghanischen Sicherheitskräften auch in gefährlichere Gebiete vor, bekämpfen die Taliban und sollen die Regionen dann sichern – clear and hold, säubern und halten, heißt das im Bundeswehrjargon.

Über die Jahre wurden immer mehr deutsche Soldaten an den Hindukusch entsandt, die Mandatsobergrenze ist auf derzeit 5350 Soldaten gestiegen. Doch der Westen will raus aus Afghanistan, auf einen Abzug aller Kampftruppen bis Ende 2014 haben sich die NATO-Staaten geeinigt. Dann sollen afghanisches Militär und Polizei in der Lage sein, selbst für die Sicherheit in ihrem Land zu sorgen. Bis dahin muss noch viel geschehen – auch im Einsatzgebiet der Bundeswehr im Norden Afghanistans. “Den Süden von Schahar Darah haben wir schon an die Afghanen übergeben, im nördlichen Teil wird das aber noch dauern”, sagt Floris D.

Verbesserte Sicherheitslage an vielen Orten - Bundeswehrsoldaten in einem Dorf nahe Kundus

Ein Feldwebel zeigt auf einer Karte weitere Gebiete, in denen regelmäßige Angriffe und Sprengstoffanschläge von der Präsenz der Aufständischen zeugen, und denen die Bundeswehr seiner Ansicht nach offensiver begegnen müsste. Wenn im Zuge des neuen Mandats die Zahl der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan bis Ende 2012 auf 4400 gesenkt werden solle, müssten daher zunächst die Bundeswehrsoldaten aus den ruhigeren Gebieten abgezogen werden, aus dem Feldlagern in Faisabad und dem Stützpunkt in Talokan. “Es wäre fatal, wenn die Truppen gerade hier in Kundus abgespeckt würden”, sagt der Feldwebel. “Wenn sich die Sicherheitslage wieder verschärft, dann brauchen wir die gesamte Stärke.”

Ob dann bis Ende 2014 die Lage in Afghanistan tatsächlich so sicher ist, dass alle internationalen Kampftruppen das Land verlassen können, daran herrschen auf dem Weihnachtsmarkt, den sich die Soldaten in Kundus zu ihrer Adventsfeier aufgebaut haben, ohnehin große Zweifel. Ein Unteroffizier, auch er mit Weihnachtsmütze auf dem Kopf, fasst sich ebenfalls kurz: “Wenn wir in drei Jahren rausgehen, dann sind wir in zehn Jahren wieder hier.”

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