Bruder Romney will ins Weiße Haus
Mormonen im US-Wahlkampf zwischen Stolz und Neutralität
 
von  Gregor Waschinski

Vor mehr als fünf Jahrzehnten verließ Rudolf Hegewald die DDR in Richtung USA, als Mormone unter Sozialisten hatte er es nicht mehr ausgehalten. Stolz erzählt der 82-Jährige nun von seinem Haus, seinen fünf Kindern mit Uniabschluss und dem Leben im Bundesstaat Utah – der Hochburg seiner Glaubensbrüder von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Richtig stolz ist Hegewald auch auf Mitt Romney, den ersten Mormonen, der eine echte Chance auf den Einzug in das Weiße Haus hat.

A statue of the founder of the Mormon Church Joseph Smith sits outside the historic Salt Lake Temple April 3, 2010 in Salt Lake City, Utah. ((c)AFP)
A statue of the founder of the Mormon Church Joseph Smith ((c)AFP)
“Die Missionarsarbeit würde einfacher sein, auch in Deutschland, wenn man sagen kann: Der Präsident der Vereinigten Staaten ist ein Mitglied der Kirche Jesu Christi”, sagt Hegewald. In seinem Deutsch haben sich einige englische Vokabeln eingenistet, der sächsische Einschlag ist aber geblieben. Der Rentner arbeitet ehrenamtlich in einer Lebensmittelausgabe für Bedürftige in Salt Lake City, diese Dienste in kirchlichen Einrichtungen gehören für Mormonen dazu. Die Glaubensgemeinschaft stehe für “hohe moralische Grundsätze”, meint Hegewald. Prinzipien, die auch einen Präsidenten Romney auszeichnen würden.

So deutlich wie Rudolf Hegewald sprechen Mormonen selten, wenn sie sich zu “Bruder Romney” äußern, der kommenden Donnerstag auf dem Parteitag in Tampa zum Kandidaten der Republikaner für die Präsidentschaftswahl im November gekürt werden soll. Der frühere Gouverneur von Massachusetts blendet seine religiöse Prägung weitgehend aus dem Wahlkampf aus, die Kirche hat sich der politischen Neutralität verschrieben. Auch viele Mitglieder antworten beinahe reflexhaft, dass sie ihre Wahlentscheidung nicht auf Grundlage der Religion treffen würden.

“Wir Mormonen brauchen keine Trophäe”, sagt Andrew Watson, der mit Frau und vier Kindern in einem Vorort von Salt Lake City lebt. Kirche und Staat seien getrennt, wichtig die Qualifikation des Bewerbers für den Präsidenten-Job. Doch Watson glaubt, dass die Aufmerksamkeit durch Romneys Kandidatur einige “Missverständnisse” beseitigen könnte, die es über seine Religion gebe.

Die Mormonen wurden 1830 von Joseph Smith gegründet, der von einem Engel in einer Offenbarung im Bundesstaat New York das Buch Mormon erhalten haben will – nach dem Verständnis der Gläubigen eine Ergänzung zum Wirken Jesu Christi, wie es in der Bibel niedergeschrieben ist. Weltweit hat die Kirche heute etwa 14 Millionen Mitglieder, knapp die Hälfte davon in den USA.

Andere christliche Konfessionen betrachten die Mormonen bisweilen mit Argwohn, sprechen ihnen gar die Zugehörigkeit zum Christentum ab. Auch wenn die Kirche umstrittene Praktiken wie die Vielehe lange aufgegeben hat, schlägt ihr weiter Skepsis entgegen. Einer Umfrage aus dem März zufolge hat jeder dritte US-Bürger ein negatives Mormonen-Bild. Dazu trägt auch der Eindruck einer straff organisierten und geheimnisvollen Gemeinschaft bei – so dürfen etwa nur Mitglieder die mormonischen Tempel betreten.

Der Politiker Romney präsentiert sich als gottesfürchtiger Mann, im Detail schweigt er aber zu seiner Religion. Dabei ist der mormonische Glaube ein zentrales Element seines Lebensentwurfs. Die Journalisten Michael Kranish und Scott Helman schildern in ihrer Biographie, wie der junge Romney als Missionar in Frankreich ein enges Verhältnis zu seiner Religion aufbaute. Der Glaube wurde zum Antrieb für Romneys soziales Engagement in der Kirche ebenso wie zur Quelle seines traditionellen Familienbildes und konservativen Wertesystems.

Am Hauptsitz der Kirche in Salt Lake City wacht in der Nähe des strahlend weißen Tempels eine PR-Abteilung über das Mormonen-Bild in der Öffentlichkeit, das Interesse ist groß seit Romneys Triumph bei den Vorwahlen der Republikaner. “Wir sind aber in keiner Weise in die politische Kampagne eingebunden”, betont Abteilungschef Michael Otterson. In Umfragen zeigt sich derweil eine Mehrheit der Mormonen angetan von Romneys Kandidatur. Einer Erhebung des Pew-Instituts zufolge sind 56 Prozent der Ansicht, dass die USA bereit seien für die Wahl eines mormonischen Präsidenten.


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