Stippvisite in der Höhle des Löwen
 
von  Claudia Wessling

Athen, 9. Oktober (AFP) – Für Angela Merkel ist es ein Besuch in der Höhle des Löwen: Tausende aufgebrachte Athener empfangen am Dienstag die deutsche Kanzlerin mit drastischen Plakaten wie “Nein zum vierten Reich” und “Frau Merkel, get out”. Doch die Geschmähte bekommt vom Zorn der Griechen über die Sparpolitik nur wenig mit, in den hermetisch abgeriegelten Teil des Regierungsviertels dringen die Demonstranten nicht vor. Die Kanzlerin wiederum hat für ihre griechischen Gastgeber an diesem Tag vor allem ermutigende Worte parat, auch wenn die Auflösung des griechischen Schuldendramas weiter auf sich warten lässt.

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Die Kanzlerin trifft Samaras an seinem Amtssitz ((c)AFP)
Einen ganz “normalen Besuch” in einem befreundeten Land hatte die deutsche Seite vor dem Besuch angekündigt. Doch normal ist im deutsch-griechischen Verhältnis wenig, seit vor gut zweieinhalb Jahren erstmals Griechenland mit Milliardenhilfen auch aus Berlin vor der Staatspleite gerettet werden musste. Merkel als Guantanamo-Häftling, Merkel in Nazi-Uniform – drastisch führten griechische Medien gerne vor, dass die deutsche Regierungschefin wie kein anderer EU-Politiker für den harten Sparkurs verantwortlich gemacht wird, der Gehälter und Renten einbrechen und die Arbeitslosigkeit auf fast ein Viertel hochschnellen ließ.

Eher Ausnahmezustand als Normalität herrscht am Dienstag auch im sonst sehr lebendigen Athen: Auf dem Weg vom Flughafen passiert Merkels Delegation von Polizisten gesäumte, leergefegte Straßen. Der zentrale Syntagma-Platz bleibt größtenteils gesperrt. Auf keinen Fall – so die Parole der griechischen Regierung – soll ein Eklat den ersten Besuch der Kanzlerin seit Beginn der Krise überschatten. Und so kreisen Hubschrauber über dem Zentrum, Scharfschützen und Wasserwerfer sind in Position. Einige der an der Straße stehenden Bürger tragen dennoch Protestplakate, andere winken, machen Fotos.

Doch nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt von Samaras Amtssitz Villa Maximus, in dem die Regierungschefs in der Bibliothek beraten, lassen Demonstranten ihrem Unmut doch freien Lauf: Mit ihrem Besuch gieße Merkel “nur Öl ins Feuer”, empört sich die 58-jährige Vana Korneou, die in ihrem Laden deutsche Handtaschen verkauft. “Wenn sie wirklich helfen wollte, wäre sie viel früher gekommen.” “Merkel kommt doch nur um zu gucken, was sie hier bei uns aufkaufen kann”, schimpft die Angestellte Maria.

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Athener protestieren mit Nazi-Flaggen gegen Merkel ((c)AFP)
Die deutsche Regierungschefin lässt sich am Dienstag nicht anmerken, dass die teils verletzende Kritik der Griechen sie betroffen macht. Mit einem freundlichen Lächeln erwidert sie auf dem Flughafen den Empfang durch Samaras, und lässt sich dabei auch nicht vom Wind aus dem Konzept bringen, der ihre sorgfältige Frisur zerzaust.

Später findet Merkel klare Worte, um ihre Solidarität mit den unter der Sparpolitik leidenden Griechen zu bekunden. In dieser “ausgesprochen schwierigen Phase” werde den Menschen viel abverlangt, aber “ich glaube, dass wir Licht sehen werden am Ende des Tunnels”. Merkel sagt Hilfe zu, bei Reformen des Gesundheitswesens, der regionalen Verwaltung. Und zeigt mit Blick auf die deutsche Wiedervereinigung Verständnis, dass dies nicht so schnell geht. Sie sei weder “als Lehrerin noch als Notengeberin gekommen, sondern um mich zu informieren”, bekundet die Kanzlerin.

Als die Pressekonferenz schon fast vorbei ist, wiederholt Merkel dann noch einmal, was sie zur Erleichterung der griechischen Seite schon bei Samaras Besuch im August in Berlin betonte: “Ich wünsche mir, dass Griechenland in der Eurozone bleibt.”

Der Erfüllung dieses Wunsches kommen Merkel und Samaras an diesen Tag aber nicht näher: Gründlichkeit gehe vor Schnelligkeit, bescheidet die Kanzlerin ihren griechischen Partner, als dieser eine baldige Entscheidung der Troika über die nächste Hilfstranche von 31 Milliarden Euro anmahnt. Kommt das Geld nicht, steht Griechenland Ende November wieder mal vor dem Staatsbankrott. Die Hoffnung auf Licht am Ende des Tunnels bleibt mehr als vage.


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