Weihnachtsgrüße aus dem Elend
 
von  Susanne Sawadogo

Beirut, 23. Dezember (AFP) – Ein Kabelsalat hängt über den engen Gassen. Stromleitungen, die auf abenteuerliche Weise zwischen den Häusern übereinander gelegt, verknotet und verlötet wurden, verdecken die ohnehin spärliche Sicht zum Himmel. Im palästinensischen Flüchtlingslager Burdsch Baradschneh am Rande von Libanons Hauptstadt Beirut stehen die Wohnhäuser dicht an dicht. Zu den wenigen Farbtupfern in dieser steinernen Enge zählen die Bananenstauden in den Geschäften. Und der mit Luftballons geschmückte Raum, in dem Dirk Niebel (FDP) von singenden Kindern empfangen wird.

((c)AFP)
Fluechtlingslager ((c)AFP)
Der Bundesentwicklungsminister ist am Samstag für einen Tag in den Libanon gekommen, um sich über die Lage der syrischen Flüchtlinge zu informieren. Dafür hat er eines der am dichtesten besiedelten der zwölf palästinensischen Flüchtlingslager im Land ausgewählt. Seit dem Jahr 1948 existiert das Lager Burdsch Baradschneh – ein Provisorium aus festen Häusern, in dem es an allem fehlt: Arbeit, Infrastruktur, Abwassersysteme, Schulen. Seit Jahrzehnten bemühen sich Nichtregierungsorganisationen und die UNO, die Lebensbedingungen für die mehr als 16.000 dort lebenden Menschen zu verbessern.

Seit zusätzlich immer mehr Flüchtlinge aus Syrien in das überfüllte Lager kommen, hat sich die Lage weiter verschärft. Die Alteingesessenen sind ebenso überfordert wie die finanziell klammen UN-Organisationen und die libanesische Regierung. Niebel appelliert an die Verantwortlichen in Beirut und der Region, die Grenze zu Syrien offen zu halten. Zwei libanesische Minister forderten bereits ihre Schließung. Noch sind solche Stimmen in der Regierung zwar in der Minderheit – unklar ist aber angesichts des Elends und der sozialen und politischen Sprengkraft, die in den Lagern herrschen, wie lange noch.

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Fluechtlingslager ((c)AFP)
Im Gepäck hat Niebel eine frische Zusage von 14,73 Millionen Euro für UN-Organisationen, das Geld soll etwa in Gesundheits-, Abwasser- und Bildungsprojekte fließen. Wo die Mittel ankommen, kann der FDP-Politiker in einem vom Kinderhilfswerk UNICEF unterstützten Kinder- und Jugendzentrum sehen, das inmitten der düsteren Gassen mit Freiheitsparolen an den Wänden wie eine Oase der Hoffnung wirkt.

In einem Raum mit bunten Schaukeln empfangen Kindergartenkinder den Minister mit Gesang und roten Weihnachtsmützen auf dem Kopf. Es sind Kinder, die gerade erst vor der Gewalt in Syrien fliehen mussten. Einige schenken dem Minister selbst gebastelte Weihnachtskarten. Andere überreichen ihm Zeichnungen, in denen sie ihre Kriegserlebnisse verarbeitet haben. Die Kleinen erzählen, was sie gemalt haben: “Bombenlärm” und “Menschen auf den Straßen”.

Mit klaren Worten machen erwachsene Bewohner des Flüchtlingslagers dann ihren Sorgen Luft. Dabei kommen auch Konflikte unter ihnen zum Vorschein – zwischen denen, die schon seit Generationen in dem Lager leben und denen, die neu hinzugekommen sind. “Man wirft uns vor, dass wir ihnen die Hilfe wegnehmen”, beklagt eine Syrerin. Aber sie sei mit ihren sechs Kindern und ohne Mann geflohen. Ihr Haus in Syrien sei komplett zerstört. Sie habe kein Geld, um woanders zu leben als im Lager.

Einige Flüchtlinge beklagen, dass ihre Visa für den Libanon nach einem Monat verfallen und sie dann Strafen zahlen müssten. Dieses Problem habe er bei seinem Gespräch mit dem libanesischen Sozialminister angesprochen, sagt Niebel.

Für die UNICEF-Vertreterin Annamaria Laurini kommt die deutsche Hilfe “im rechten Moment”. Das Kinderhilfswerk will angesichts des beginnenden Winters Frauen und Kinder, die 75 Prozent der syrischen Flüchtlinge im Libanon ausmachen, mit Decken und warmer Kleidung versorgen.

Insgesamt flohen nach UN-Angaben bereits mehr als 500.000 Menschen aus Syrien in die Nachbarländer, vor allem in die Türkei, nach Jordanien und in den Libanon. Noch einmal so viele Menschen sind in Syrien selbst auf der Flucht. Einen Ausweg aus ihrem Elend sehen die meisten in Burdsch Baradschneh nicht. Ein älterer Mann sagt es im Gespräch mit dem Minister so: “Nur Gott weiß, wann wir aufhören zu weinen.”

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