Leiser Abschied mit unterdrückten Tränen
Benedikt XVI. vollzieht historischen Rücktritt: "Ich werde nicht länger Papst, sondern ein Pilger sein"
 
von  Christof Meißner

Vatikanstadt, 28. Februar (AFP) – Der Vatikan ist ohne Papst, obwohl der Pontifex nicht gestorben ist. Was noch vor wenigen Wochen als nahezu unmöglich galt, macht Benedikt XVI. am Donnerstag in der ihm eigenen andächtigen Art wahr. Um 17.07 Uhr verlässt das erste deutsche Oberhaupt der katholischen Kirche seit knapp 500 Jahren den Kirchenstaat per Helikopter. Ziel ist die Sommerresidenz Castel Gandolfo nahe Rom, wo der 85-Jährige um 20.00 Uhr freiwillig aus dem Papstamt scheidet – ein seit dem Mittelalter beispielloser Vorgang.

The helicopter with Pope Benedict XVI aboard flies over St Peter’s basilica at the Vatican on February 28, 2013 in Rome. Pope Benedict XVI boarded a helicopter to fly to the papal summer residence of Castel Gandolfo outside Rome, where he will stay until his powers formally expire at 1900 GMT. AFP PHOTO / GABRIEL BOUYS
Helikopter über dem Petersdom, (c)AFP

Gegen 16.30 Uhr herrscht vor dem Apostolischen Palast bereits reger Betrieb. Mitglieder des päpstlichen Haushalts und der Kurie sowie zahlreiche Soldaten der Schweizergarde erwarten den Papst vor seiner Abreise. Um 16.53 verlässt Benedikt XVI. seine Gemächer.

Enge Mitarbeiter knien nieder und küssen ihm die Hand, bevor er durch die Gänge des Palasts seinen Weg aus dem Vatikan antritt. Als er vor den Palast tritt, nimmt die Schweizergarde Haltung an, Applaus brandet auf.

Ruhig nimmt Benedikt XVI. weitere Verabschiedungen entgegen. Er hebt die Hände zum Segen und besteigt einen schwarzen Wagen, der ihn zum vatikanischen Hubschrauberstart- und -landeplatz bringt.
Dort verabschiedet er seinen Fahrer, begrüßt die Piloten, erteilt einen letzten Segen und kehrt dem Vatikan für rund zwei Monate den Rücken. Auf dem Petersplatz winken tausende Menschen dem Helikopter nach. Banner mit Dankesworten, deutsche, bayerische und andere Fahnen sind zu sehen. Rom ist von Glockenklang erfüllt.

Drei Mal läutet auch die Glocke des Rathauses von Rom, als der Hubschrauber abhebt. Weitere drei Schläge folgen zum Rücktritt vom Papstamt um 20.00 Uhr. Dann lebt Benedikt XVI. in Castel Gandolfo, wo er nach knapp 20-minütigem Flug ankommt und von zahlreichen Einwohnern sowie eigens angereisten Besuchern des Städtchens jubelnd begrüßt wird, bereits zurückgezogen. Die Schweizergardisten an der Residenz schließen die Pforte und ziehen ab. Benedikt XVI.
ist nun “emeritierter Papst”, für den sie nicht mehr zuständig sind.

“Danke, Benedikt, wir sind bei Dir”, besagt ein Schriftzug aus silbernen Buchstaben neben der Pfarrkirche von Castel Gandolfo. “Es bedeutet uns viel, dass Benedikt XVI. sich entschieden hat, hier sein letztes Lebewohl zu sagen”, sagt die 40-jährige Patrizia Gasperini. Für sie sei es “ein sehr bewegender Moment”. Als Benedikt XIV. dann um 17.38 Uhr auf den Balkon des Papstpalasts tritt, ist es dies tatsächlich. “Ich werde nicht länger Papst, sondern ein Pilger sein”, sagt er in einer kurzen, aber bewegenden Ansprache an die Menge.

Damit fällt der Vorhang endgültig, Benedikt XVI. verlässt die Öffentlichkeit. Die päpstlichen Privatgemächer im Vatikan werden um 20.00 Uhr mit dem Beginn der sogenannten Sedisvakanz, der Zeit ohne Papst, versiegelt und bleiben es, bis ein Nachfolger gewählt ist. Auch der päpstliche Privatfahrstuhl wird so lange außer Dienst gestellt. Der sogenannte Fischerring Benedikts XVI., dem das vatikanische Siegel eingeprägt ist, wird zerstört, um Missbrauch zu vermeiden.

Bei allem Rummel um den Rücktritt ist auffällig, dass Benedikt XVI. sich auch am Ende seines Pontifikats treu bleibt und große Gesten vermeidet, wo er kann. Bereits die letzte Generalaudienz am Mittwoch auf dem Petersplatz, zu der zehntausende Menschen aus aller Welt kamen, unterschied sich im Ablauf nicht von den zahlreichen Audienzen in seiner fast achtjährigen Amtszeit. Wie immer lenkte Benedikt XVI. die Aufmerksamkeit von sich weg und konzentrierte sich auf das Gebet.

Auch bei der Abschiedszeremonie mit den im Vatikan anwesenden Kardinälen am Donnerstagvormittag gibt sich Benedikt XVI. gewohnt bescheiden und gelobt seinem Nachfolger “bedingungslosen Gehorsam”. Er beantwortet damit die Frage, ob er sich wohl in dessen Amtsgeschäfte einmischen könnte. Er macht klar, dass er wirklich Ruhe und Besinnung sucht, und stößt damit bei seinem Umfeld und vielen Gläubigen auf Verständnis. Zwar fließt im Vatikan und in Castel Gandolfo auch die eine oder andere Träne, doch wird sie meist schnell weggedrückt.


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