Erstaunen und dann Jubel über den Überraschungs-Papst
Konklave wählt Mann der Armen - und der nennt sich Franziskus
 
von  Ralf Isermann

Vatikanstadt, 13. März (AFP) – Als um 19.05 Uhr der weiße Rauch aufsteigt, die Menge auf dem Petersplatz in Jubel ausbricht, fängt Jemma an zu weinen. “Warum schreien die so?”, fragt die Dreijährige verzweifelt ihre Mutter. “Wir haben einen neuen Papst, wir haben einen neuen Papst”, tröstet diese und drückt ihr Kind. An einer historischen Stunde hat die in Neapel lebende US-Bürgerin ihre Tochter teilhaben lassen – die katholische Kirche hat mit dem Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum ersten Mal einen Mann aus Südamerika an ihrer Spitze. Der nennt sich Franziskus – eine programmatische Namensgebung des “Kardinals der Armen”.

Kardinalprotodiakon Jean-Louis Tauran ist derjenige, der auf dem Balkon des Petersdoms den Namen des künftigen Oberhaupts der fast 1,2 Milliarden Katholiken auf der Welt verkündet. Die Menge verstummt zuerst. Ganz, als traue sie ihren Ohren nicht. Bergoglio galt 2005 als aussichtsreicher Kandidat und soll damals hinter Benedikt XVI. viele Stimmen bei der Wahl des Nachfolgers von Johannes Paul II. bekommen haben. Doch inzwischen ist der Argentinier 76 Jahre alt – manchen galt das als zu alt, Favoriten waren andere. Doch die 115 Kardinäle spielten den Experten einen Streich.

Bergoglio galt als der “Kardinal der Armen”. Und mit seiner Referenz an Franz von Assisi beruft er sich auf einen Heiligen, der das Leben als reicher Sunnyboy in das eines Bettlers eintauschte und so sein Glück fand. Ist das das Signal, welches das Konklave einer durch Finanzskandale, Börsenspekulationen und einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich verunsicherten Welt geben wollte?

((c)AFP)
Papst Franziskus auf dem Balkon des Petersdoms in Rom, (c)AFP
Der neue Papst lädt die Menge bei seinem ersten Auftritt als Oberhaupt der katholischen Kirche ein, einen Weg der Brüderlichkeit und Liebe mit ihm zu gehen. Damit schließt Franziskus an die Predigt von Kardinaldekan Angelo Sodano bei der Eröffnung des Konklaves an. Da hatte Sodano gesagt, der neue Papst müsse mehr lieben als alle anderen Hirten.

Vom ersten Moment an gibt sich Franziskus  so sympathisch bescheiden, wie sein gewählter Name wirken soll. Fast schüchtern begrüßt er die Gläubigen auf dem Petersplatz mit einem “buona sera”, guten Abend. Er betet für seinen zurückgetretenen Vorgänger Benedikt XVI., bittet um Gebete für sich und betet mit der Menge das “Vater unser” und das “Gegrüßet seist du Maria”, bevor er ihnen eine gute, erholsame Nacht wünscht.

Hat nach dem charismatischen Reisepapst Johannes Paul II. und dem Intellektuellen Benedikt XVI. nun mit dem ersten Jesuiten an der Spitze der katholischen Kirche eine neue Ära begonnen? Auf jeden Fall ist Franziskus durch die Tatsache gestärkt, dass er nach nur fünf Wahlgängen als Nachfolger von Benedikt XVI. feststand.

Denn auch wenn für das Konklave strikte Geheimhaltung gilt, ist damit klar, dass die Kardinäle wohl doch nicht in den langen Gesprächen des Vorkonklaves in zerstrittene Lager zerfallen sind. Franziskus sucht auch den Kontakt zu seinem Vorgänger: Direkt nach seiner Wahl telefonierte er mit Benedikt, die beiden machten schon ein Treffen aus.

Auf dem Petersplatz scheinen nach der Wahl all die Skandale vergessen, welche die katholische Kirche in der Endphase des Pontifikats von Benedikt XVI. lähmte. Stunden harrten hunderte Gläubige dort am Mittwoch trotz teils strömenden Regens aus, den Schornstein auf der Sixtinischen Kapelle fest im Blick. Am Abend standen dann Tausende vor dem Petersdom. Viele mit einem Regenschirm, weil es zeitweise in Strömen regnete.

Für die Menge war der Regen nach der erfolgreichen Wahl keine Bremse ihrer Euphorie: “Viva il Papa! Viva il Papa!”, riefen sie immer wieder und schwenkten die Fahnen ihrer zahlreichen Herkunftsländer. Auch nach dem kurzen Überraschungseffekt durch den unerwarteten Papst hielt die Jubelstimmung an – es herrscht Aufbruchstimmung in der katholischen Kirche.


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