Was auch immer geschieht, die Griechen bleiben unsere Freunde
Rehhagel besucht Athen als "Deutschlands bester Botschafter". Drama um Zypern bleibt bei Sympathie-Reise weitgehend außen vor.
 
von  Claudia Wessling

Als Otto Rehhagel zu singen anhebt, verschlägt es sogar dem sonst so redseligen Griechenland-Beauftragten der Kanzlerin die Sprache. “Ich schau den weißen Wolken nach und fange an zu träumen”, stimmt der in Griechenland verehrte Trainer eine Liedzeile des griechischen Schlagerstars Nana Mouskouri an. Der deutsche Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel und die griechische Tourismusministerin Olga Kefalogianni stehen staunend daneben – und freuen sich über die schöne Szene, mit der “König Otto” soeben für einen kleinen Moment alle deutsch-griechischen Unstimmigkeiten vergessen machte.

@AFP
Fast ein Jahr ist es her, dass Angela Merkel den berühmten Trainer am Rande der Wahl des neuen Bundespräsidenten fragte, ob er nicht einmal Fuchtel nach Griechenland begleiten wolle. Der umtriebige Baden-Württemberger versucht seit etwa zwei Jahren, den Griechen durch gemeinsame Projekte auf kommunaler Ebene über die Folgen der Finanzkrise hinwegzuhelfen. Mit konkreter Hilfe von unten, bei der Wiederbelebung des Tourismus oder der Installation stromsparender Straßenlampen, will die Bundesregierung so auch ihr im Zuge der Euro-Krise angeschlagenes Image wieder ins bessere Licht rücken.

Eine einstündige Talkshow, zwei Minister, ein Provinz-Gouverneur und ein Kirchenoberhaupt – diszipliniert absolvierte der Trainer am Dienstag und Mittwoch einen Terminmarathon, in dem er immer wieder die deutsch-griechische Freundschaft lobte.

Und obwohl der Sportler Rehhagel sich zu politischen Themen nicht äußern wollte, mahnte er immer wieder beide Seiten, gemeinsam die “Irritationen” durch die Finanzkrise zu beheben. “Was auch immer geschieht, die Griechen bleiben unsere Freunde.” Zur dramatischen Lage in Zypern, die von den Griechen mit Sorge beobachtet wird, blieb Rehhagel bewusst vage: Die Menschen in der EU müssten sich “zusammentun, dass für alle eine akzeptable Lösung zustande kommt”.

Seit er die als Chaos-Truppe berüchtigte griechische Nationalelf 2004 völlig überraschend zum Europameistertitel führte, ist Rehhagel in dem Land eine Art Nationalheld. Diesen Sonderstatus nutzte der 74-Jährige auch für strenge Worte an die Griechen, die manchem deutschen Politiker sicher übel genommen würden: “Man muss sich immer an Regeln halten, sonst klappt ja nichts.” Auch die in Griechenland immer wieder angefeindete Merkel nahm Rehhagel in Schutz: “Unsere Bundeskanzlerin hat die Krise nicht erfunden.”

Ganz in seinem Element schien der Trainer dann doch erst auf dem Fußballplatz: Bei einem Freundschaftsspiel der griechischen Jugendnationalelf gegen eine Auswahl der deutschen Schule in Athen nahm sich Rehhagel viel Zeit, aufgeregten Schülern Autogramme zu geben. Und auch, wenn er seine Gespräche mit den jungen Sportlern lieber ohne die Presse führte, blieb er sich der politischen Dimension seiner Mission durchaus bewusst: “Der Fußball hat eine unglaubliche Integrationskraft.”

((c)AFP)
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“Deutschlands bester Botschafter”, so lobte Fuchtel seinen prominenten Begleiter, konnte sich bei seinem Besuch in seiner einstigen Wahlheimat davon überzeugen, dass die Griechen ihn bis heute lieben. Doch Rehhagels Ruhm dürfte nicht ausreichen, um deren Vorbehalte gegenüber Deutschland zu vertreiben – zu tief sitzt bei vielen der Frust über das Spardiktat aus Brüssel, für das vor allem die Regierung Merkel verantwortlich gemacht wird. Rehhagel sei “ein guter Mann”, sagte der Taxifahrer Stavros. “Aber Merkel, die ist doch kaltblütig, oder?”

Sogar Innenminister Euripides Stylianidis verband die Verleihung einer Ehrenplakette an Rehhagel für dessen Verdienste um den griechischen Fußball mit einer Spitze gegen die Bundesregierung: Rehhagel habe den Griechen Disziplin beigebracht, ihnen zugleich aber Freiraum gelassen, ihre Kreativität und ihr Talent zu entfalten. “Dieser Geist muss auch in die Politik Einzug halten.”


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