“Der Tod kann jederzeit kommen”
Auch zehn Jahre danach denken Thailänder mit Schrecken an Tsunami
 
von  Johanna Pflüger

Ban Bangsak (AFP) – Den Geruch der Leichen wird sie nie vergessen, sagt Marie Theres Benner bei der Fahrt durch Khao Lak. Die Schreckensbilder von Weihnachten 2004 stehen der deutschen Malteser-Mitarbeiterin, die unmittelbar nach dem Tsunami nach Thailand eilte, noch vor Augen. Seitdem kommt Benner regelmäßig in das süostasiatische Land, um sich von der Nachhaltigkeit mancher damals angestoßener Hilfsprojekte zu überzeugen. Auch privat halfen viele Deutsche, bis heute sind Kontakte geblieben.

In Ban Bangsak fegte die “Tigerwelle” an dem verhängnisvollen Sonntagmorgen das ganze Dorf hinweg, erinnert sich Maesri Harntalay mit schreckgeweiteten Augen. Sie selbst rettete sich auf eine Kokospalme. Ihr Mann Liam Jetala und ihre damals 15 Jahre alte Tochter Bui überlebten ebenfalls, doch der 13-jährige Sohn kam ums Leben.

'Tigerwelle' ((c) AFP)
Für die Besucher aus Deutschland holt Harntalay ein Foto von Suchinda aus dem ersten Stock, mit Tränen in den Augen hält die 54-Jährige das von Zeit und Wetter zerfressene Bild eines lächelnden Kindes vor der Brust. Der Leichnam ihres Bruders erhielt die Nummer 303, erinnert sich Bui.

In Zusammenarbeit mit den thailändischen Behörden finanzierten die Malteser damals den Bau von 31 Stelzenhäusern in Ban Bangsak. Wer von den Bewohnern mit anpackte, wurde von der Organisation entlohnt, erklärt Benner. Bis heute lebt Harntalay mit ihrem Mann in einem dieser Betonhäuser etwa drei Kilometer von der Küste entfernt.

Auch Bui half beim Wiederaufbau, und deshalb will die junge Frau, die in einem Hotel auf der Insel Kokoh Khao als Köchin arbeitet, nicht weg von hier – obwohl sie Angst vor einem neuen Tsunami hat. “Manchmal, wenn ich eine Welle höre, ist das wie ein Eisen, das mein Herz durchbohrt”, sagt die Mutter eines vierjährigen Mädchens.

Zerstörtes Dorf ((c) AFP)
Unweit des Dorfes brach im Distrikt-Krankenhaus von Takuapa der absolute Notstand aus, als am 26. Dezember 2004 die ersten Opfer eingeliefert wurden. Rund 1200 Verletzte allein am ersten Tag, unter ihnen viele Touristen, sagt Klinikdirektor Porn Panhanont. Gut 200 Betten gab es, 20 Ärzte und 130 Krankenschwestern. Die Klinik war die nächstgelegene am Urlaubsparadies Khao Lak – und weit genug von der Küste, um nicht beschädigt zu werden.

Offene Frakturen, infizierte Wunden und alle Arten von Traumata waren die häufigsten Fälle, erinnert sich die Krankenschwester Wannapa, die damals Dienst in der Notaufnahme hatte. Um alle Verletzten versorgen zu können, wurden Zelte aufgebaut, sagt die 56-Jährige, die in der Katastrophe ihren Bruder verlor.

Vier Tage nach dem Tsunami lieferten Benner und ihre Mitstreiter kistenweise Medikamente und Versorgungsmaterial in das Krankenhaus. Ausländische Ärzte meldeten sich freiwillig, darunter ein deutscher Mediziner, wie die OP-Schwester Raweewan berichtet. Der Deutsche komme jedes Jahr wieder, um hier Urlaub zu machen – und um das Team von einst zu treffen, sagt die 35-Jährige. In den dramatischen Tagen damals lernte die zierliche junge Frau vor allem eines: “Der Tod kann jederzeit kommen.”

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