Zuhören und in den Arm nehmen
Psychosoziale Hilfe für junge Thailänder nach Jahrhunder-Tsunami
 
von  Johanna Pflüger

Khao Lak (AFP) – “Das Wichtigste ist erst einmal, die Kinder weinen zu lassen, damit alles ‘rauskommt”, sagt Natthy Limsakul. Unzählige Kinder hat die thailändische Lehrerin nach dem Tsunami vor rund zehn Jahren getröstet, ihnen beigestanden, sie in den Arm genommen – weil sie einen geliebten Menschen durch die Riesenwelle verloren hatten oder ihr Zuhause an der Küste von Takuapa im Süden des Landes durch die gewaltigen Wassermassen zerstört worden war.

Für ihre Aufgabe wurde Limsakul, die auch schon vorher Vertrauenslehrerin an der Ban-Muang-Schule war, von einheimischen Fachleuten geschult. In einem mehrwöchigen Kurs der Hilfsorganisation Malteser International lernte sie zusammen mit vier Kollegen etwa, wie viel Trost eine Umarmung einem traumatisierten Menschen spenden kann – nicht selbstverständlich in Thailand, wo körperliche Berührungen eher unüblich sind. Gerade Jungen wollten häufig nicht umarmt werden, sagt Limsakul.

Schüler laufen durch zerstörtes Dorf ((c) AFP)
Eines der Kinder, dem Limsakul helfen konnte, war Jaran. Am Morgen, als die mörderische Flut kam, waren die Eltern des Mädchens fischen. Die damals 13-Jährige hatte Glück, sie erlitt nur leichte Schnittwunden. Schwester und Vater überlebten ebenfalls, ihre Mutter aber kam ums Leben. Ihre Leiche wurde nie gefunden. “Ich wollte nicht mehr reden”, erinnert sich Jaran. Ein Jahr lang bekam sie Anti-Depressiva, machte dank des Hilfsprogramms eine Kunsttherapie, die ihr über den Schmerz hinweghalf.

“Aber die Erinnerung ist da”, fügt Jaran mit leiser Stimme hinzu, sie denkt nicht gerne an damals zurück. Heute ist sie eine selbstbewusste, junge Frau, die ihr Geld als Touristenführerin verdient. Sie zeigt Urlaubern die kleinen Inseln vor Khao Lak, wo sie schnorcheln. “Ich habe keine Angst vor dem Meer”, versichert Jaran, bevor sie wieder los muss zur Arbeit, und plötzlich strahlt sie über das ganze Gesicht: “Wenn ich tauche, fühle ich mich wie ein Fisch.”

Jarans Schule wurde zwar bei dem Tsunami am 26. Dezember 2004 nicht beschädigt. Doch 51 Schüler kamen ums Leben, viele weitere wurden Waisen oder Halbwaisen oder verloren ihre Freunde. Einen Monat lang gab es keinen Unterricht, das Schulgebäude diente als Aufnahmelager.

In dieser Zeit begann Malteser International mit seinem Programm für Psychosoziale Betreuung, das bis 2008 lief. In der Provinz Phang Nga wurden rund 30 Lehrer an elf Schulen geschult, mehr als 7000 Kinder im Alter von zwölf bis 18 Jahren wurden so erreicht. Besonders schwer traumatisierte Schüler wurden an Psychologen überwiesen. Inzwischen ist das Programm in das nationale Lehrer-Curriculum integriert worden, wie Marie Theres Benner, Gesundheitsexpertin von Malteser International, nicht ohne Stolz berichtet.

Nicht nur an Schulen, auch in Gemeinden setzte die Hilfsorganisation an. Und so wurden dutzende weitere Laien geschult, um Mitmenschen in Not beraten zu können. “Von Einheimischen für Einheimische”, umschreibt die deutsche Malteser-Mitarbeiterin Benner das Prinzip. Das sei auch wegen kultureller Gegebenheiten besonders wichtig, etwa bei der buddhistischen Religion. “Alle Buddhisten kennen Meditation”, bestätigt die Lehrerin Limsakul. “Und Meditation hilft.”

Auch der heute 22-jährige Wattana nahm an dem durch Malteser International initiierten Programm teil – nicht als Tsunami-Opfer, sondern weil er nach der Scheidung seiner Eltern massive Probleme zu Hause hatte. Der Junge suchte Rat bei seinen Lehrern und fand schließlich eine Bleibe in einem Kinderheim in Takuapa, wo er bis heute lebt. Für die Hilfe, die Wattana bekam, will er etwas zurückgeben – er ließ sich selbst zum Berater ausbilden. Nun berät der Jurastudent, der kurz vor dem Abschluss steht, andere Jugendliche, die mit ihren Problemen zu ihm kommen.

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