Wir stellen nicht einfach irgendwelches Material auf den Hof
Bundeswehr setzt auch im Libanon zunehmend auf Ausbildung
 
von  Christof Meißner

Kaum kündigt sich die Abenddämmerung an, startet die Besatzung der Korvette “Erfurt” eine überraschenden Vorstoß in Richtung ihrer libanesischen Kameraden an der Mittelmeerküste des Landes. Waffengewalt ist nicht im Spiel, doch das Bundeswehrschiff steuert zielstrebig den Hafen von Beirut an, ohne dass es sich zu erkennen gibt. Per Funk werden den wachhabenden Libanesen absichtlich falsche Angaben durchgegeben. Die libanesischen Marinesoldaten verfolgen die “Erfurt” auf dem Radar, prüfen die Daten und untersagen dem Schiff schließlich die Einfahrt in ihre Hoheitsgewässer.

Korvettenkapitän Marco Köster ist zufrieden mit der Übung. Seit Beginn des Bundeswehreinsatzes im Rahmen der UN-Blauhelmmission Unifil im Jahr 2006 wurden solche Vorfälle zwar unzählige Male trainiert, die Libanesen müssen aber stets mit neuen Tests der Deutschen oder anderer beteiligter Nationen rechnen.

Bundeswehr ((c) AFP)
“Es ist wichtig, dass die Libanesen die Kontrollen machen”, sagt Köster. Angesichts des Dauerkonflikts mit Israel und der Aktivitäten der Dschihadistengruppe Islamischer Staat in Syrien sollen auf diese Weise unter anderem illegale Waffenlieferungen aufgespürt werden.

Zur Schiffsortung stellte Deutschland dem Libanon entlang der Küste neun Radarstationen und ein Leitzentrum zur Verfügung. Auf See kreuzen zudem sieben Unifil-Schiffe und alarmieren im Verdachtsfall die örtliche Marine. Über die Jahre wurden fast 6000 Schiffe genauer unter die Lupe genommen, nicht näher bekannte “Unstimmigkeiten” gab es laut Bundeswehr nur in zwei Fällen. Die vergleichsweise stabile Lage reicht Köster aber für ein Ende der Mission nicht aus. “Dann kann ich nach 20 Jahren ohne Feuer im Dorf auch fragen, ob ich die Feuerwehr noch brauche”, sagt er.

Den Einsatzschwerpunkt verlagern die Deutschen im Land dennoch verstärkt auf die Ausbildung ihrer libanesischen Kameraden. “Wir stellen nicht einfach irgendwelches Material auf den Hof, sondern hinterlassen unseren Fußabdruck”, sagt Verbindungsoffizier Sven Schneider. Mit Blick auf die Radaranlagen heißt dies, dass die Libanesen auch die Wartung im Griff haben sollen. In Elektronikworkshops zeigt die Bundeswehr, wie dies zu bewerkstelligen ist. Zuletzt wurde der örtlichen Marine zudem ein spezieller Werkstattbus übergeben, um die Stationen anfahren zu können.

Nach Bedarf stehen auch Trainings zur Übung von Einsatzabläufen, unter anderem auf deutschen Schiffen, oder Sanitätslehrgänge auf dem Programm der deutschen Ausbilder und ihrer libanesischen Kameraden. Bis zu zehn Bundeswehrsoldaten können dafür eingesetzt werden. Doch nicht nur im Libanon selbst, auch im westlichen Ausland werden libanesische Soldaten für ihre künftigen Aufgaben fit gemacht. In Deutschland sind es derzeit sechs, weitere in Frankreich und Brasilien. “Das Ziel der Libanesen ist es, alle Offiziersanwärter im Ausland ausbilden zulassen”, sagt Schneider.

In Beirut herrscht Zufriedenheit mit dem Ausbildungsansatz, den die Bundeswehr in unterschiedlicher Form – an Waffen, technischem Gerät oder bei der Einsatzführung – inzwischen in immer mehr Staaten exportiert. “Die Zusammenarbeit ist für uns sehr hilfreich”, sagt der 23-jährige Bootsmann Mustafa Dschafar. Auch langfristig und über das Militärische hinaus hoffe er auf gute Beziehungen zu Deutschland. So steht Dschafar kurz vor dem Beginn eines Deutschkurses, den künftig ein libanesischer Kamerad geben soll. Auch Englisch und Französisch werden angeboten.

Große Pläne hat auch die Marineführung. Ihr Chef, Konteradmiral Nasi Dschbaili, will die Stärke von etwas mehr als tausend Soldaten auf 5000 anheben – und hat dabei auch die Wirtschaft im Blick. “In den kommenden Jahren starten wir Ölbohrungen im Meer, das wird ohne eine starke Marine nicht funktionieren”, sagt er. Nötig seien zudem größere Schiffe für die Hochsee. Zugleich mahnt Dschbaili fortdauernde Unterstützung an. “Es ist auch besser für Europa, wenn ein starker Libanon Terroristen bekämpft”, gibt er unter Hinweis auf steigende Flüchtlingszahlen zu bedenken.


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