Willkommener Fluglärm im Baltikum
Deutsche Eurofighter sichern wieder nordöstlichen Nato-Luftraum
 
von  Christof Meißner

Der Lärm ist ohrenbetäubend und doch willkommen: Seit zwei Wochen starten vom Flugplatz Ämari südwestlich von Estlands Hauptstadt Tallinn wieder deutsche Eurofighter-Kampfjets, um den baltischen Luftraum zu sichern. Eine Debatte über den Krach in einer örtlichen Zeitung sei aber rasch beendet gewesen, sagt Estlands Luftwaffenchef Jaak Tarien. Ein Brief einer älteren Bürgerin habe dazu ausgereicht: Der Lärm sei nichts gegen gegen das Dröhnen der Sowjetarmee, als diese im Zweiten Weltkrieg das Land besetzt habe, schrieb die Frau demnach.

Die Angst vor Russland sitzt in Estland und den baltischen Nachbarstaaten Lettland und Litauen tief – und verstärkte sich wegen der Ukrainekrise zuletzt noch einmal massiv. Die kleinen Republiken sind jedoch seit ihrem Beitritt zu Nato und Europäischer Union im Jahr 2004 nicht in der Lage, selbst für Sicherheit am Himmel zu sorgen. Tariens Luftwaffe besteht im Kern aus 400 Soldaten, zwei Transportflugzeugen und vier Hubschraubern – “eine der kleinsten Luftstreitkräfte der Welt”, wie der Oberst sagt.

Deutscher Eurofighter im estnischen Ämari ((c) AFP)
Seit dem Nato-Beitritt übernehmen daher Bündnispartner die Überwachung des baltischen Luftraums. Geräuschlos war auch die deutsche Luftwaffe seither mehrfach zum sogenannten Air Policing im Baltikum. Aufmerksamkeit erlangte die Mission allerdings erst im vergangenen Jahr, als sie wegen der Krimkrise verstärkt wurde. Zeitweise waren bis zu 16 Nato-Jets im Baltikum stationiert. Derzeit sind es fünf deutsche Eurofighter in Ämari und vier ungarische Maschinen von Typ Gripen im litauischen Siauliai.

“Die Lage hat sich in gewisser Weise beruhigt”, sagt der Inspekteur der deutschen Luftwaffe, Karl Müllner, am Mittwoch bei einem Besuch der etwa 190 Bundeswehrangehörigen in Ämari. Trotzdem könne die Nato “nicht zur Tagesordnung übergehen”. Im Vergleich zum Jahr 2012 habe die russische Armee ihre Manöveraktivitäten über Ost- und Nordsee vervierfacht. Zudem hätten die Übungen eine “Qualität, die wir bisher nicht gesehen haben” – bis hin zu “Großformationen kombiniert mit strategischen Bombern”.

Erst am 31. August stiegen die Eurofighter zwei Mal auf, um russische Militärmaschinen südöstlich von St. Petersburg und nordwestlich der russischen Exklave Kaliningrad zu identifizieren. Bei den Einsätzen ging es nach Auskunft der Bundeswehr bislang nie darum, dass Russland tatsächlich Nato-Luftraum verletzte. Immer wieder fliegen demnach aber Militärjets mit unbekanntem Flugplan oder ausgeschaltetem Transponder durch internationales Gebiet.

Läuft alles nach Plan, starten in solchen Fällen binnen 15 Minuten die Nato-Jets im Baltikum. Vom Start bis zum Erreichen einer unbekannten Maschine über der Ostsee dauert es dann je nach Position weitere zehn bis 20 Minuten, wie Pilot Manuel K. sagt. Er und seine Kollegen fliegen mit den Eurofightern an die Maschinen heran, identifizieren sie aus der Nähe und begleiten sie mit eingeschalteten Transpondern, damit zivile Luftfahrtbehörden ihre Routen nachvollziehen können.

In Ämari ist nun für vier Monate wieder die Bundeswehr an der Reihe, nach Großbritannien und vor Belgien. Dass mit den technisch hochgerüsteten und schwer bewaffneten deutschen Jets aber nicht immer alles planmäßig läuft, zeigt sich ausgerechnet bei Müllners Besuch. Für einen Probealarm sollen zwei Eurofighter abheben – ein Computerfehler sorgt jedoch dafür, dass ein Jet erst nach 14 Minuten startklar ist und den Hangar verlässt. Pilot Manuel K. versichert, im Ernstfall würde ein dritter Flieger eingesetzt.

Nach knapp 18 Minuten steigen die Kampfflieger schließlich auf. Senkrecht schießen sie in den Himmel – binnen zehn Sekunden rund vier Kilometer hoch. Mit ihren knapp 100.000 PS können sie eine Spitzengeschwindigkeit von 2300 Stundenkilometern erreichen. “Eine Botschaft der Stärke” in Richtung Russland nennt Luftwaffenchef Tarien das verstärkte Air Policing im Baltikum. “Im vergangenen Jahr waren die Esten noch sehr besorgt, jetzt fühlen sie sich gut geschützt”, sagt er.

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