Stadt an der Grenze ihrer Kräfte
Nordirakisches Erbil kämpft mit hohen Flüchtlingszahlen
 
von  Christof Meißner

Nihad Kodscha hat eine klare Botschaft: “Wir sind fast pleite”, sagt der Bürgermeister der nordirakischen Kurdenmetropole Erbil. Die Gewalt im Land infolge des Vormarschs der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) im vergangenen Jahr ließ hunderttausende Menschen in die Stadt und ihre Umgebung fliehen. Allein in Erbil kommen nach Kodschas Angaben auf 1,1 Millionen Einwohner 150.000 Flüchtlinge, auf die sie umgebende Region 300.000 und auf das gesamte irakische Kurdengebiet 1,8 Millionen.

“Bereits seit einigen Monaten ist das Geld bei den Vereinten Nationen knapp, die Hilfen wurden um 60 Prozent reduziert”, beklagt Kodscha. Aus der Hauptstadt Bagdad komme keine Unterstützung – das Ausland schicke zwar Hilfe, aber diese sei “ein Tropfen auf den heißen Stein”. “Ich appelliere, uns zu helfen, bevor die Menschen in Richtung Europa marschieren”, warnt der Bürgermeister. Er wolle, dass die Flüchtlinge in Erbil blieben, “aber niemand hat das Recht, die Menschen aufzuhalten.”

Kinder im Flüchtlingslager Harscham ((c) AFP)
Der 58-jährige Kodscha floh selbst einst aus dem Irak nach Deutschland – im Jahr 1981 nach dem Beginn des Ersten Golfkriegs zwischen dem Iran und dem Irak. “Aus politischen Gründen”, erzählt er an seinem Geburtsort, der tausende Jahre alten Zitadelle von Erbil. Einen irakischen Pass hat der Bürgermeister nach eigenen Angaben nicht, alle zwei Monate reist er für zehn Tage zu seiner Familie, die im Rheinland lebt.

Auf der Zitadelle im Herzen der Kurdenhauptstadt und im großen Basar an ihrem Fuß wirkt Erbil ruhig und beschaulich. Die Front, an der sich einheimische Kämpfer mit westlich-arabischer Unterstützung aus der Luft Gefechte mit der IS-Miliz liefern, ist rund 70 Kilometer entfernt. Große Sorgen machen sich die Verantwortlichen aber um die Flüchtlingslager in der Stadt und ihrer Region, wo sich vor allem Binnenflüchtlinge aus umkämpften Gegenden aufhalten.

Eines der Camps ist das Lager Harscham außerhalb des Stadtzentrums. In Containern leben dort mehr als 260 Familien – fast 1500 Menschen, mehr als die Hälfte davon minderjährig. Zahlreiche Kinder springen über unbefestigte, matschige Wege und vertreiben sich die Zeit. Unter ihnen ist auch der neunjährige Mussa. Mit seinen Eltern, vier Brüdern und zwei Schwestern sei er aus Sindschar in der Provinz Ninive gekommen, sagt der Junge lachend. Weiter reichen seine Englischvokabeln noch nicht.

Dies könnte sich bald ändern, denn gerade ist eine Schule in dem Camp fertiggestellt worden. “Noch sind keine Lehrer hier”, sagt Richard Hannah von der Hilfsorganisation Acted, aber bereits in wenigen Tagen solle der Unterricht beginnen. Insgesamt sei das Lager “ziemlich gut ausgestattet”, auch mit Blick auf die medizinische Versorgung der Flüchtlinge, berichtet Hannah. Problematisch sei allerdings, dass die UN-Hilfszahlungen immer weiter zurückgingen.

Hawre Abdullah vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR klagt zudem über schwindende Unterstützung durch die irakischen Behörden. “Früher gab die Regierung Zuschüsse etwa für Strom und Wasser”, die nun eingestellt seien, sagt er. “Keine Arbeit, nichts zu essen” – das treibe die Menschen letztlich erneut in die Flucht. Bürgermeister Kodscha teilt diese Befürchtung. “Derzeit hilft noch die Bevölkerung, ich glaube aber nicht, dass das bis nächstes Jahr so weitergeht”, sagt er.

Kodscha rechnet zudem mit “einem neuen Flüchtlingsansturm, wenn Mossul angegriffen wird”. Eine Attacke, um die Stadt dem IS zu entreißen, wird seit einiger Zeit erwartet. Kodscha beklagt aber, dass die Kurdenkämpfer trotz Bundeswehr-Unterstützung “immer noch schlecht ausgerüstet” seien, und fordert mehr Hilfen. Während des Besuchs von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im Irak sagt er: “Das ist ein internationaler Konflikt, wir machen die Drecksarbeit auch für die Anderen.”

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