Blick auf den Schlagschatten der Minarette
Bundeswehr-Tornados klären Lage in Syrien und im Irak auf
 
von  Christof Meißner

Auf den ersten Blick sieht die Aufnahme aus wie ein herkömmliches Luftbild von einer Ortschaft, wie viele Menschen in Deutschland dies etwa von Fotos ihrer Heimatorte aus Hubschraubern kennen: vor allem Gebäude, Mauern und Straßen sind zu sehen. Doch bei der Ansammlung von Häusern handelt es sich um eine Gegend in Syrien, die ein Tornado-Aufklärungsjet der Bundeswehr mit ausgefeilter Technik ablichtete.

Auswertung von Tornado-Material in Incirlik ((c) AFP)
Experten der Bundeswehr, die mit den Tornados im südtürkischen Incirlik stationiert sind, können aus der Aufnahme jedoch wesentlich mehr ersehen. Sie erkennen zum Beispiel eine Moschee. “Da sehen wir den Schlagschatten der Minarette und einen anderen Bereich, wo Sonne hinkommt”, sagt einer von ihnen. Zu identifizieren ist dies unter anderem dank Wärmeaufnahmen, die Temperaturunterschiede in verschiedenen Bereichen aufzeigen können.

“Der Sensormix gibt uns die Möglichkeit, unterschiedliche Informationen aus dem Bild zu erkennen”, sagt der Auswerter über die Aufnahmetechnik, mit der die Tornados ausgestattet sind, um aus mehreren Kilometern Höhe gestochen scharfe Bilder von größeren Regionen am Boden zu liefern. Unter guten Bedingungen seien die Soldaten beim Auswerten der Bilder gar “in der Lage zu unterscheiden, ob jemand männlich oder weiblich ist”.

Aufgabe der Bundeswehr ist es, der internationalen Militärallianz, die in Syrien und im Irak gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) kämpft, auf Anforderung Bildmaterial über die Lage am Boden zu liefern. Angefordert werden sie vom Hauptquartier der Koalition im Emirat Katar. Dort prüft ein deutscher Offizier nach Bundeswehrangaben zunächst, ob die Aufklärungsaufträge mit dem Bundestagsmandat in Einklang stehen.

Die Aufklärungsergebnisse aus den Tornados gehen demnach zunächst nur zum deutschen Kontingent in Incirlik, wo auch sie vor der Weiterleitung nach Katar geprüft werden. Freigegeben werden laut Bundeswehr Bilder, die dem Kampf gegen den IS oder dem Schutz von Zivilisten dienen. Befürchtungen, dass etwa über Katar Aufnahmen von Stellungen kurdischer Kämpfer an die Türkei übermittelt werden, sollen durch die Prüfungen entkräftet werden.

Seit dem 8. Januar flogen die Tornados inzwischen 34 Aufklärungseinsätze in gut hundert Flugstunden. In der Regel starten sie in Paarformation einmal am Vormittag und einmal am Nachmittag. Rund 150 Kilometer sind es von Incirlik zur syrischen Grenze. Mit ihrer Fluggeschwindigkeit von 780 Stundenkilometern könnten die Tornados theoretisch binnen zwölf Minuten im Einsatzgebiet sein, allerdings nehmen sie nicht den direkten Weg.

“Ernstzunehmende Bedrohungen” gab es für die Maschinen, die zum Selbstschutz bewaffnet sind, nach Angaben der Bundeswehr noch nicht. Ihre Aufklärungsflüge absolvieren die Tornados meist in einer Höhe von rund drei Kilometern, die Betankung erfolgt in der Regel in größerer Höhe. Bilder können bereits während des Flugs, aber auch erst nach der Landung zum Boden geschickt und dort ausgewertet werden.

Kritik daran, dass die Tornados derzeit nur tagsüber genutzt werden, weil die Cockpitbeleuchtung auf den Nachtflugbrillen der Piloten irritierende Spiegelungen verursacht, hält die Bundeswehr angesichts ihres Auftrags für nicht relevant. Nach ihren Angaben ist unter anderem die Qualität der Tagesaufnahmen besser. “Einen Bedarf für Nachtflüge hat es bisher noch nie gegeben”, sagt der für die Jets zuständige Kommodore Michael Krah.

Zur Frage, ob wirklich eindeutig IS-Stelllungen aus der Luft ausgemacht werden können, sagt der Auswerter, solche Aussagen würden nur getroffen, wenn sie vollständig sicher seien. IS-Flaggen seien zu erkennen, bei Uniformen sei es schon schwieriger, weil es diese nicht gebe. “Ein illegaler Kontrollpunkt sieht aber anders aus als ein militärischer”, sagt der Auswerter mit Blick auf Checkpoints an Straßen.

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